Ungeachtet der zwischen den USA und dem Iran vereinbarten Feuerpause hat Israel seine militärischen Angriffe im Libanon massiv ausgeweitet. Nach Angaben der israelischen Armee handelte es sich am Mittwoch um den bislang "größten koordinierten Angriff" auf die Hisbollah-Miliz seit Beginn des Krieges. Ziel waren demnach zahlreiche Orte im Süden des Landes sowie südliche Vororte der Hauptstadt Beirut. Das libanesische Gesundheitsministerium berichtete von Dutzenden Toten.
Die staatliche Nachrichtenagentur Ani meldete zunächst mehrere Luftangriffe im Süden des Libanon, darunter auf ein Wohngebäude nahe der Küstenstadt Tyros. Später folgten Attacken auf mehrere Stadtviertel in Beirut. Aufnahmen zeigten dichte Rauchschwaden über der Hauptstadt, während Augenzeugen von panischen Szenen berichteten. Laut Behörden kam es infolge der Angriffe zu einem Verkehrschaos, Anwohner wurden aufgefordert, Rettungskräften freie Fahrt zu ermöglichen.
Zuvor hatte die israelische Armee Evakuierungsaufrufe veröffentlicht. Der Militärsprecher Avichay Adraee forderte Bewohner mehrerer Vororte Beiruts sowie der Region Tyros auf, ihre Häuser zu verlassen. Kurz darauf folgten die Angriffe. Nach Militärangaben wurden rund 100 Stellungen der Hisbollah getroffen, darunter "Kommandozentren und militärische Einrichtungen" in Beirut, der Bekaa-Ebene und im Süden des Landes.
Die Hisbollah reagierte zunächst zurückhaltend und meldete keine unmittelbaren Gegenangriffe. Gleichzeitig rief sie geflohene Bewohner dazu auf, vorerst nicht in ihre Heimatorte zurückzukehren. In einer Erklärung zeigte sich die Miliz jedoch demonstrativ siegesgewiss: "Heute stehen wir an der Schwelle eines großen und historischen Sieges."
Die israelische Regierung stellte klar, dass die mit dem Iran vereinbarte Waffenruhe aus ihrer Sicht nicht für den Libanon gilt. "Der Kampf im Libanon geht weiter", erklärte ein Armeesprecher. Auch das Büro von Ministerpräsident Benjamin Netanjahu betonte, die Vereinbarung beziehe sich ausschließlich auf den Iran. Dem widersprach Pakistan als Vermittler der Feuerpause, das deren Geltung für die gesamte Region betonte.
Der Konflikt hatte sich Anfang März auf den Libanon ausgeweitet, nachdem die vom Iran unterstützte Hisbollah Raketen auf Israel abgefeuert hatte. Zuvor war es zur Tötung des iranischen Führers Ayatollah Ali Chamenei gekommen. Israel reagierte mit massiven Luftangriffen und dem Einsatz von Bodentruppen.
Libanons Präsident Joseph Aoun zeigte sich trotz der Eskalation offen für eine diplomatische Lösung und signalisierte Bereitschaft für ein umfassendes Friedensabkommen. Auch internationale Stimmen mahnten zur Zurückhaltung. Die Bundesregierung rief Israel dazu auf, sich auf "notwendige Selbstverteidigung" zu beschränken. Frankreichs Präsident Emmanuel Macron forderte, die Waffenruhe müsse auf den Libanon ausgeweitet werden.
OZD / ©AFP
OZD-Kommentar: Waffenruhe auf dem Papier – Realität ist Eskalation
Die jüngsten Angriffe zeigen schonungslos: Die Waffenruhe im Iran-Konflikt ist politisch fragil und militärisch wirkungslos. Israel zieht eine klare Linie – und diese verläuft nicht entlang diplomatischer Vereinbarungen, sondern entlang sicherheitspolitischer Interessen. Gleichzeitig demonstriert die Hisbollah trotz massiver Verluste eine gefährliche Selbstsicherheit. Die größte Gefahr liegt nun in einer regionalen Kettenreaktion: Wenn die Fronten weiter verschwimmen, könnte der Konflikt endgültig außer Kontrolle geraten. Eine Ausweitung auf weitere Staaten ist keine abstrakte Möglichkeit mehr, sondern ein realistisches Szenario.
Mini-Infobox:
– „Größter Angriff“ seit Kriegsbeginn
– Dutzende Tote im Libanon gemeldet
– Rund 100 Hisbollah-Ziele getroffen
– Waffenruhe gilt offenbar nicht für Libanon
OZD-Analyse
Militärische Entwicklung
a) massive Luftangriffe auf urbane Ziele
b) gezielte Schläge gegen Infrastruktur der Hisbollah
c) fehlende unmittelbare Gegenreaktion
Politische Dimension
a) unterschiedliche Auslegung der Waffenruhe
b) diplomatische Initiativen aus Europa
c) Rolle regionaler Vermittler wie Pakistan
Strategische Folgen
a) Destabilisierung des Libanon
b) Risiko einer regionalen Ausweitung
c) zunehmender Druck auf internationale Akteure
Erklärungen / Wissensblock
Was ist die Hisbollah?
Die Hisbollah ist eine schiitische Miliz und politische Organisation im Libanon. Sie wird vom Iran unterstützt und gilt als einer der wichtigsten nichtstaatlichen Akteure im Nahen Osten. Ihr militärischer Arm ist stark bewaffnet und regelmäßig in Konflikte mit Israel verwickelt.
Historischer Hintergrund
Die Spannungen zwischen Israel und der Hisbollah reichen bis in die 1980er Jahre zurück. Immer wieder kam es zu militärischen Auseinandersetzungen, zuletzt verstärkt durch den aktuellen Iran-Konflikt, der sich Anfang März auf den Libanon ausgeweitet hat.
Prognose
Die Lage bleibt hochdynamisch und gefährlich. Sollte es nicht gelingen, die Waffenruhe tatsächlich auf den Libanon auszuweiten, droht eine weitere Eskalation mit unvorhersehbaren Folgen für die gesamte Region. Besonders kritisch ist die Gefahr, dass weitere Staaten direkt in den Konflikt hineingezogen werden.
Gewinnspiel
Was bezeichnete die israelische Armee als „größten koordinierten Angriff“?
A) Angriffe auf den Iran
B) Angriffe auf Syrien
C) Angriffe auf die Hisbollah im Libanon
D) Angriffe auf den Gazastreifen
https://www.online-zeitung-deutschland.de/a/46220/das-tolle-gewinnspiel-2026-gutscheine-zu-gewinnen
OZD-Extra
Die Bekaa-Ebene im Libanon gilt als eine der wichtigsten Hochburgen der Hisbollah – strategisch und logistisch.
Alle Angaben ohne Gewähr. Titelbild: AFP