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Selen fordert mehr Macht

Verfassungsschutz-Präsident Selen fordert mehr Kompetenzen, KI-Einsatz und heimliche Online-Durchsuchungen.

Im Kampf gegen wachsende Sicherheitsrisiken fordert Verfassungsschutz-Präsident Sinan Selen neue Befugnisse für den Inlands-Nachrichtendienst. "Sicherheit und Souveränität resultieren aus Abschreckung und Wehrhaftigkeit", sagte Selen der "Süddeutschen Zeitung" (Mittwochsausgabe). Ein Abwehrdienst habe die "klare und unmissverständliche Mission", Angriffen effektiv entgegenzutreten. "Wir müssen in Zukunft operativer arbeiten. Dafür brauchen wir neue und erweiterte Fähigkeiten", sagte Selen.

Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) hatte Anfang Mai eine baldige Reform der Nachrichtendienste angekündigt, um diese "zu einem echten Geheimdienst" auszubauen. Nach einem "Spiegel"-Bericht soll der Verfassungsschutz künftig heimlich in Computer und Handys von Zielpersonen eindringen und sie per Onlinedurchsuchung durchleuchten dürfen.

Um in großen Datenmengen entscheidende Hinweise zu finden, soll auch der Einsatz von künstlicher Intelligenz dem Verfassungsschutz erlaubt werden, ebenso wie Software zur Gesichtserkennung. Auch der Bundesnachrichtendienst (BND) solle mehr Kompetenzen erhalten, berichtete das Magazin Anfang Mai.

Verfassungsschutz-Präsident Selen spricht sich nun ebenfalls dafür aus, dass seine Behörde sich vom Nachrichtendienst, der Informationen sammelt, zum echten Geheimdienst wandelt. "Unsere Aufgabe heißt nicht erklären oder beobachten, sondern Bedrohungen zu beherrschen oder zu verhindern." Entscheidend sei das "etwa bei geplanten extremistischen Anschlägen oder auch bei Waffenlieferungen". Das Ziel sei: "Gefahren erkennen, Bedrohungen unterbinden. Und mit den gewonnenen Erkenntnissen neue verhindern, bevor sie entstehen."

Den Verfassungsschutz sieht Selen wegen wachsender Gefahren für die Demokratie vor einem einschneidenden Wandel. Herausforderungen habe sich der Dienst in den 75 Jahren seit seinem Bestehen immer wieder stellen müssen, sagte der Behördenchef. Nun aber sei "eine tiefgreifende Transformation" gefordert.

Selen, der zuvor unter anderem für das Bundeskriminalamt (BKA), die Bundespolizei und das Bundesinnenministerium gearbeitet hatte, ist seit vergangenem Oktober Präsident des Bundesamtes für Verfassungsschutz. Sein Alltag habe sich mit dem Schritt an die Spitze nicht geändert, sagte Selen. Rund um die Uhr erreichbar zu sein, sei für ihn nichts Besonderes. Sein Handy liege schon seit Jahrzehnten neben seinem Bett - nicht erst, seit er Präsident der Behörde sei. In diesem Metier sei jedem klar: "Bedrohungslagen gehören in Sicherheitsbehörden zum Alltag."

OZD/AFP


OZD-Kommentar – Deutschland steht vor einem historischen Sicherheitsumbau
Die Forderungen von Sinan Selen markieren einen möglichen Wendepunkt für Deutschlands Sicherheitsarchitektur. Der Verfassungsschutz soll nicht länger nur beobachten, sondern aktiv eingreifen, digitale Geräte infiltrieren und künstliche Intelligenz einsetzen. Das klingt nach einem Sicherheitsstaat neuer Generation – und genau darin liegt die politische Sprengkraft.
Natürlich wächst die Bedrohungslage durch Extremismus, Cyberangriffe und internationale Krisen. Doch jede neue Befugnis bedeutet zugleich weniger Privatsphäre und mehr staatliche Eingriffsmöglichkeiten. Besonders der Einsatz von Gesichtserkennung und heimlichen Online-Durchsuchungen dürfte massive Debatten über Bürgerrechte auslösen. Deutschland steht damit vor einem klassischen Konflikt: maximale Sicherheit gegen maximale Freiheit. Die kommenden Reformen könnten die Rolle der Geheimdienste dauerhaft verändern.

Historischer Hintergrund
Das Bundesamt für Verfassungsschutz wurde 1950 gegründet und entstand als Reaktion auf die Erfahrungen der nationalsozialistischen Diktatur. Ziel war der Schutz der freiheitlich-demokratischen Grundordnung in Deutschland.
Anders als klassische Geheimdienste konzentrierte sich der Verfassungsschutz lange vor allem auf Beobachtung und Informationssammlung. Nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 sowie zunehmenden Cyberbedrohungen wurden die Sicherheitsgesetze jedoch schrittweise erweitert.
Mit dem Vormarsch digitaler Kommunikation, internationaler Terrornetzwerke und hybrider Kriegsführung wächst inzwischen der Druck auf Sicherheitsbehörden, technisch aufzurüsten. Besonders künstliche Intelligenz und digitale Überwachung gelten weltweit als neue Schlüsseltechnologien im Sicherheitsbereich.

Zukunftsprognose
Die angekündigten Reformen dürften Deutschland in eine intensive Debatte über Datenschutz, Bürgerrechte und staatliche Kontrolle führen. Während Sicherheitsbehörden auf mehr Kompetenzen drängen, werden Datenschützer und Bürgerrechtsorganisationen wahrscheinlich massive Einschränkungen fordern.
Sollten die Pläne umgesetzt werden, könnte der Verfassungsschutz künftig deutlich stärker operativ arbeiten – ähnlich wie internationale Geheimdienste in den USA oder Großbritannien. Gleichzeitig steigt damit das Risiko politischer Konflikte über Überwachung, digitale Freiheitsrechte und den Einsatz künstlicher Intelligenz im Staat.


Gewinnspiel
Frage: Welche neue Technologie soll laut Berichten künftig verstärkt vom Verfassungsschutz genutzt werden?
A) Blockchain-Systeme
B) Künstliche Intelligenz
C) Satelliteninternet
D) Quantencomputer
Teilnahme-Link: https://www.online-zeitung-deutschland.de/a/46220/das-tolle-gewinnspiel-2026-gutscheine-zu-gewinnen


Mini-Infobox

Verfassungsschutz fordert neue Befugnisse

Online-Durchsuchungen geplant

KI und Gesichtserkennung im Fokus

Innenministerium plant Geheimdienst-Reform

Debatte über Datenschutz und Sicherheit wächst


OZD-Analyse
Hauptpunkt: Ausbau der Geheimdienst-Kompetenzen
– Beschreibung: Verfassungsschutz soll operativer und digitaler werden

Neue Instrumente
– a) heimliche Online-Durchsuchungen
– b) Einsatz künstlicher Intelligenz
– c) Gesichtserkennungssoftware

Politische Konflikte
– Sicherheitsinteressen gegen Datenschutz
– Kritik von Bürgerrechtlern
– wachsende digitale Bedrohungslage

Folgen
– tiefgreifender Umbau deutscher Sicherheitsbehörden
– stärkere staatliche Überwachung
– neue Debatten über Grundrechte


Erklärungen
Wer ist Sinan Selen?
Sinan Selen ist Präsident des Bundesamtes für Verfassungsschutz und war zuvor unter anderem beim Bundeskriminalamt und im Bundesinnenministerium tätig.

Was ist der Verfassungsschutz?
Der Verfassungsschutz ist Deutschlands Inlandsnachrichtendienst und zuständig für die Beobachtung extremistischer und verfassungsfeindlicher Aktivitäten.

OZD-Extras
Deutschland zählt traditionell zu den Ländern mit besonders strengen Datenschutzregeln – genau deshalb werden neue Überwachungsbefugnisse regelmäßig politisch hoch emotional diskutiert.

Alle Angaben ohne Gewähr. Titelbild AFP.