Wenige Tage vor dem Start der neuen europäischen Asylreform GEAS entbrennt in Deutschland ein neuer politischer Streit über die Zukunft der Grenzkontrollen. Während die Reform am Freitag in Kraft treten soll, fordert die SPD bereits eine schrittweise Rücknahme der derzeitigen Kontrollen an den deutschen Binnengrenzen.
Der innenpolitische Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion, Sebastian Fiedler, sieht in der neuen europäischen Regelung einen Wendepunkt. „Als Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten haben wir immer gesagt - wie auch im Koalitionsvertrag angelegt - wenn die neuen GEAS-Regelungen in Kraft treten, müssen die Binnengrenzkontrollen auch perspektivisch zu einem Ende kommen“, sagte Fiedler den Zeitungen der Mediengruppe Bayern. Er plädierte dafür, „nach dem 12. Juni Schritt für Schritt die Grenzkontrollen zurückzufahren“.
Nach seiner Einschätzung könnte zunächst an den weniger stark betroffenen Grenzabschnitten begonnen werden. Sollte sich die Lage durch die Reform stabilisieren, müssten auch weitere Kontrollen beendet werden, so der SPD-Politiker weiter.
Aus der Union kommt jedoch deutlicher Widerspruch. Der innenpolitische Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Alexander Throm, hält ein Ende der Kontrollen für verfrüht. Die Effekte der GEAS-Reform würden sich nicht sofort zeigen, warnte er. Entscheidend sei, ob alle EU-Mitgliedstaaten ihre Verpflichtungen tatsächlich umsetzen. Besonders Länder wie Italien und Griechenland stünden dabei im Fokus.
Die europäische Asylreform GEAS soll das Asylsystem der EU grundlegend neu ordnen. Ziel ist es, die Zahl irregulärer Migration nach Europa zu reduzieren und Verfahren innerhalb der Mitgliedstaaten zu vereinheitlichen. Gleichzeitig enthält die Reform deutlich strengere Regeln für Asylsuchende, auch in Deutschland.
Menschenrechtsorganisationen wie Pro Asyl äußern jedoch scharfe Kritik. Sie warnen vor einer möglichen Aushöhlung von Schutzrechten für Geflüchtete und sehen die Reform als deutliche Verschärfung des europäischen Asylsystems.
OZD/AFP
OZD-Kommentar – Europa im Grenztest: Vertrauen oder Kontrolle?Die Debatte zeigt ein klassisches Dilemma europäischer Migrationspolitik: Vertrauen in gemeinsame Regeln oder Rückfall in nationale Kontrolle. Die SPD setzt auf ein politisches Versprechen der neuen GEAS-Architektur, während die Union auf harte Realität verweist – nämlich ungleichmäßige Umsetzung in 27 Mitgliedstaaten. Die Wahrheit liegt wahrscheinlich dazwischen. Die Prognose ist eindeutig: Selbst mit neuer EU-Asylreform werden Grenzkontrollen nicht schnell verschwinden, sondern eher zu einem dauerhaften politischen Instrument werden, das je nach Lage reaktiviert wird. Europa steuert damit auf ein System flexibler Grenzen statt offener Binnengrenzen zu.
Historischer HintergrundDas europäische Asylsystem ist seit dem Schengen-Abkommen von 1985 eng mit dem Prinzip der offenen Binnengrenzen verbunden. Gleichzeitig blieb die Verantwortung für Asylverfahren national geregelt, was immer wieder zu Spannungen führte. Die sogenannte Dublin-Regelung verpflichtete Asylsuchende, ihren Antrag im Erstaufnahmestaat zu stellen – ein System, das insbesondere südeuropäische Staaten stark belastete. Nach der Flüchtlingskrise 2015 führten mehrere EU-Staaten, darunter Deutschland, wieder zeitweise Grenzkontrollen ein. Die GEAS-Reform ist der bislang größte Versuch, ein einheitlicheres und zugleich restriktiveres europäisches Asylsystem zu schaffen.
ZukunftsprognoseDie kommenden Monate werden zeigen, ob die GEAS-Reform tatsächlich zu einer Entlastung an den EU-Außengrenzen führt. Sollte die Umsetzung in Staaten wie Italien, Griechenland oder Ungarn lückenhaft bleiben, ist mit einer Fortsetzung oder sogar Ausweitung nationaler Grenzkontrollen zu rechnen. Politisch dürfte das Thema Migration weiterhin eines der zentralen Konfliktfelder in Deutschland und der EU bleiben. Gleichzeitig steigt der Druck auf die Bundesregierung, innenpolitische Sicherheit und europäische Solidarität miteinander zu vereinbaren.
GewinnspielFrage: Was ist das Ziel der neuen europäischen Asylreform GEAS?
A) Abschaffung aller nationalen Asylgesetze
B) Förderung freier Migration innerhalb der EU
C) Reduzierung irregulärer Migration und Vereinheitlichung der Verfahren
D) Einführung eines EU-weiten Visasystems für Touristen
Richtige Antwort: C) Reduzierung irregulärer Migration und Vereinheitlichung der Verfahren
https://www.online-zeitung-deutschland.de/a/46220/das-tolle-gewinnspiel-2026-gutscheine-zu-gewinnen
Mini-InfoboxGEAS tritt am Freitag in Kraft
SPD fordert schrittweisen Abbau der Grenzkontrollen
Union warnt vor zu früher Lockerung
Ziel: weniger irreguläre Migration in der EU
Kritik von Menschenrechtsorganisationen
OZD-Analyse1. Politischer Konflikt in Deutschland
– Streit zwischen SPD und Union über Tempo der Grenzöffnung
– a) SPD setzt auf EU-Reform als Vertrauensbasis
– b) Union fordert Nachweis der Wirksamkeit
– c) Uneinigkeit innerhalb der Koalitionslogik
2. Funktionsweise der GEAS-Reform
– Europäische Vereinheitlichung des Asylsystems
– Folgen
– strengere Verfahren an EU-Außengrenzen
– mögliche Entlastung einzelner Mitgliedstaaten
– neue Spannungen zwischen Nord- und Südeuropa
3. Risiko für Schengen-System
– Dauerhafte Grenzkontrollen könnten Normalität werden
– Konsequenz: schleichende Erosion offener Binnengrenzen
ErklärungenWas ist GEAS?
GEAS steht für das Gemeinsame Europäische Asylsystem. Es ist ein
Reformpaket der Europäischen Union, das Asylverfahren vereinheitlichen
und irreguläre Migration besser steuern soll.
Deutschland gehört seit Jahren zu den Staaten, die innerhalb des Schengen-Raums zeitweise Grenzkontrollen wieder eingeführt haben – ein eigentlich nur als Ausnahme vorgesehenes Instrument, das zunehmend zur politischen Dauerlösung geworden ist.
Alle Angaben ohne Gewähr. Titelbild AFP.