Fakten im Überblick
Türkei, Saudi-Arabien und Pakistan planen laut AFP-Kreisen einen Verteidigungspakt.
Recep Tayyip Erdogan, Mohammed bin Salman und Shehbaz Sharif treffen sich in Dschiddah.
Die jüngste Eskalation um Iran soll die bereits länger diskutierten Pläne beschleunigt haben.
Pakistan bemüht sich parallel um Vermittlung zwischen Washington und Teheran.
Die weitgehend blockierte Straße von Hormus bleibt ein globales Wirtschaftsrisiko.
Inmitten der schweren Sicherheitskrise rund um den Iran könnte sich im Nahen Osten und in Südasien eine neue strategische Allianz formieren. Die Türkei, Saudi-Arabien und Pakistan wollen nach Informationen der Nachrichtenagentur AFP am Freitag in der saudiarabischen Hafenstadt Dschiddah zu einem Dreiergipfel zusammenkommen und dabei einen gemeinsamen Verteidigungspakt unterzeichnen.
An dem Treffen sollen der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan, der saudiarabische Kronprinz Mohammed bin Salman und Pakistans Regierungschef Shehbaz Sharif teilnehmen. Aus saudiarabischen Militär- und Regierungskreisen wurde AFP zufolge bestätigt, dass die Unterzeichnung des Verteidigungsabkommens vorgesehen sei. Eine offizielle Bekanntgabe des konkreten Gipfelprogramms lag zunächst nicht vor.
Besondere Brisanz erhält die geplante Vereinbarung durch die militärische Eskalation rund um den Iran und die Auswirkungen des Konflikts auf den gesamten Nahen Osten sowie die Weltwirtschaft. "Das Vorhaben war schon länger im Gespräch, aber die jüngsten Ereignisse in der Region haben es beschleunigt", hieß es aus saudiarabischen Militärkreisen.
Damit könnte ein Bündnis entstehen, das drei militärisch und geopolitisch bedeutende Staaten miteinander verbindet: die Türkei als NATO-Mitglied und regionale Militärmacht zwischen Europa, Schwarzem Meer und Nahost, Saudi-Arabien als wirtschaftliches Schwergewicht am Persischen Golf und Pakistan als Atommacht in Südasien.
Der Gipfel in Dschiddah findet gleichzeitig vor dem Hintergrund diplomatischer Bemühungen um eine Eindämmung des Krieges zwischen den USA und Iran statt. Pakistan versucht nach den vorliegenden Angaben, Washington und Teheran wieder an den Verhandlungstisch zu bringen. Sharif und der pakistanische Armeechef Asim Munir waren bereits am Donnerstag zu Gesprächen nach Saudi-Arabien gereist. Das türkische Präsidialamt kündigte anschließend kurzfristig Erdogans Reise nach Saudi-Arabien für Freitag an.
Eine Schlüsselrolle spielt dabei die Straße von Hormus. Iran und Oman verständigten sich nach iranischen Angaben zuletzt auf eine Route, über die Schiffe grundsätzlich sicher durch die weitgehend blockierte Meerenge fahren könnten. Pakistan verbindet damit die Hoffnung, dass die Verständigung zugleich den Weg für neue Gespräche zwischen den USA und Iran öffnen könnte.
Die Meerenge zwischen Iran und Oman gehört zu den strategisch wichtigsten Seewegen der Welt. Sie verbindet den Persischen Golf mit dem Golf von Oman und dem Arabischen Meer. Seit Monaten ist die Passage nach den vorliegenden Angaben de facto weitgehend geschlossen. Iran hat Teile der Wasserstraße vermint, zudem kam es wiederholt zu Angriffen auf Schiffe.
US-Präsident Donald Trump erhöhte zuletzt erneut den Druck auf Teheran und drohte mit schweren Angriffen, sollte die Meerenge nicht rasch geöffnet werden. Gleichzeitig erklärte Trump am Donnerstag, die Straße von Hormus werde "bald" wieder geöffnet. Die Gespräche liefen "sehr gut", sagte er vor Journalisten im Weißen Haus. "Ich bin in die Verhandlungen eingebunden."
Sollte der Verteidigungspakt von Ankara, Riad und Islamabad tatsächlich unterzeichnet werden, wäre dies deshalb weit mehr als eine diplomatische Randnotiz. In einer Phase tiefgreifender geopolitischer Verschiebungen könnte sich zwischen dem östlichen Mittelmeer, der Arabischen Halbinsel und Südasien ein neuer sicherheitspolitischer Block herausbilden.
OZD/AFP
OZD-Kommentar – Eine neue Machtachse verändert das strategische Spiel
Ein Verteidigungspakt zwischen der Türkei, Saudi-Arabien und Pakistan hätte erhebliches geopolitisches Gewicht. Ankara bringt NATO-Erfahrung und eine starke Rüstungsindustrie ein, Riad enorme finanzielle Ressourcen und Pakistan verfügt über Nuklearwaffen sowie eine der größten Streitkräfte der islamischen Welt.
Doch gerade deshalb muss genau hingesehen werden. Ein neues Militärbündnis kann abschrecken und Stabilität schaffen – oder die Blockbildung in einer ohnehin hochgefährlichen Region zusätzlich verschärfen. Zwischen Teheran, Riad, Ankara, Islamabad und Washington verlaufen unterschiedliche Interessenlinien, die sich nicht einfach durch einen Vertrag auflösen lassen.
Die entscheidende Frage wird deshalb sein, ob der Pakt defensiv ausgerichtet bleibt oder langfristig eine eigenständige strategische Machtstruktur zwischen NATO, Golfstaaten und Südasien entstehen soll. Sollte Letzteres eintreten, würde sich das Kräfteverhältnis vom Persischen Golf bis zum Indischen Ozean nachhaltig verändern.
Historischer Hintergrund
Die Beziehungen zwischen der Türkei, Saudi-Arabien und Pakistan sind seit Jahrzehnten von Sicherheits-, Wirtschafts- und Religionspolitik geprägt. Pakistan und Saudi-Arabien unterhalten traditionell enge militärische Beziehungen. Islamabad wiederum besitzt als Nuklearmacht erhebliche strategische Bedeutung zwischen Indien, Afghanistan, China, Iran und dem Arabischen Meer.
Die Türkei hat ihre außenpolitische und militärische Präsenz im Nahen Osten, im Kaukasus, in Afrika und am Persischen Golf in den vergangenen Jahren ausgebaut. Ankara ist NATO-Mitglied, verfolgt jedoch gleichzeitig eine zunehmend eigenständige Sicherheitspolitik.
Saudi-Arabien wiederum versucht unter Kronprinz Mohammed bin Salman, seine Rolle als regionale Führungsmacht auszubauen und seine außenpolitischen Partnerschaften zu diversifizieren. Ein formelles Dreierbündnis mit Ankara und Islamabad könnte diese Entwicklung deutlich beschleunigen.
Zukunftsprognose
Sollte der Verteidigungspakt unterzeichnet werden, dürften zunächst militärische Zusammenarbeit, Geheimdienstkooperation, gemeinsame Übungen und Rüstungsprojekte in den Mittelpunkt rücken. Besonders die türkische Drohnen-, Raketen- und Verteidigungsindustrie könnte wirtschaftlich profitieren.
Geopolitisch müsste Iran das Bündnis aufmerksam beobachten. Auch Washington, Peking, Neu-Delhi, Israel und die europäischen NATO-Staaten dürften genau analysieren, welche Verpflichtungen der Vertrag tatsächlich enthält.
Entscheidend bleibt die Straße von Hormus. Eine dauerhafte Blockade würde den internationalen Energiehandel weiter belasten und könnte Öl- und Gaspreise nach oben treiben. Eine verlässliche Wiederöffnung könnte dagegen einen erheblichen Teil der geopolitischen Risikoprämie aus den Energiemärkten nehmen.
OZD-Analyse
1. Hauptpunkt – Ein Bündnis mit strategischem Gewicht
Die Türkei verbindet Europa und den Nahen Osten, Saudi-Arabien besitzt enorme Energie- und Finanzmacht, Pakistan ist eine Nuklearmacht. Eine institutionalisierte Zusammenarbeit könnte deshalb weit über die drei beteiligten Staaten hinausreichen.
2. Hauptpunkt – Drei entscheidende Faktoren
a) Die Straße von Hormus ist für internationale Öl- und Flüssiggastransporte von zentraler Bedeutung.
b) Der Iran-Konflikt erhöht den Druck auf die Staaten der Region, ihre Sicherheitsarchitektur neu zu ordnen.
c) Pakistan versucht gleichzeitig, zwischen Washington und Teheran diplomatische Gesprächskanäle offenzuhalten.
3. Hauptpunkt – Folgen
Ein Verteidigungspakt könnte eine neue sicherheitspolitische Achse zwischen Anatolien, der Arabischen Halbinsel und Südasien schaffen. Seine tatsächliche globale Bedeutung hängt jedoch davon ab, welche gegenseitigen Beistandsverpflichtungen und militärischen Kooperationsmechanismen vereinbart werden.
Erklärungen
Was ist die Straße von Hormus?
Die Straße von Hormus ist eine schmale Meerenge zwischen Iran im Norden und Oman beziehungsweise der Arabischen Halbinsel im Süden. Sie verbindet den Persischen Golf mit dem Golf von Oman und weiter mit dem Arabischen Meer und dem Indischen Ozean. Wegen der enormen Mengen an Öl und Gas, die normalerweise durch diese Route transportiert werden, zählt sie zu den wichtigsten strategischen Seewegen der Weltwirtschaft.
Wer ist Recep Tayyip Erdogan?
Recep Tayyip Erdogan ist Präsident der Türkei. Das Land liegt zwischen Europa, dem Schwarzen Meer, dem Kaukasus und dem Nahen Osten und verfügt als NATO-Mitglied über erhebliche militärische Bedeutung.
Wer ist Mohammed bin Salman?
Mohammed bin Salman ist Kronprinz und eine zentrale Machtfigur Saudi-Arabiens. Das Königreich am Persischen Golf gehört zu den wichtigsten Erdölexporteuren der Welt und besitzt großen politischen und wirtschaftlichen Einfluss im Nahen Osten.
Wer ist Shehbaz Sharif?
Shehbaz Sharif ist Regierungschef Pakistans. Pakistan liegt zwischen Indien, Afghanistan, Iran und China und verfügt über Atomwaffen. Seine geografische Position macht das Land zu einem wichtigen Akteur zwischen Südasien, Zentralasien und dem Nahen Osten.
OZD-Extras
Für die Börsen wäre weniger der Verteidigungspakt selbst als dessen Wirkung auf Iran und die Straße von Hormus entscheidend. Eine weitere Eskalation könnte Öl- und Gaspreise erhöhen und Aktien von Fluggesellschaften, Chemiekonzernen sowie energieintensiven Industrien belasten. Energie- und Rüstungsunternehmen könnten dagegen profitieren.
Eine Entspannung und sichere Wiederöffnung der Straße von Hormus hätte tendenziell den gegenteiligen Effekt: sinkende geopolitische Risikoprämien bei Öl, geringere Transport- und Versicherungskosten und damit Entlastung für energieimportierende Volkswirtschaften in Europa und Asien.
Alle Angaben ohne Gewähr. Mit KI unterstützt. Titelbild AFP.