Fakten im Überblick
Die Linke gewinnt die Berliner Abgeordnetenhauswahl mit 25,7 Prozent deutlich vor der CDU mit 18,8 Prozent.
Die bisherige Regierungskoalition aus CDU und SPD verliert ihre Mehrheit im Abgeordnetenhaus.
Eine Mehrheit ist sowohl für Linke, Grüne und SPD als auch für CDU, Grüne und SPD möglich.
Berlin steht nach der Abgeordnetenhauswahl vor einer grundlegenden Verschiebung seiner politischen Kräfteverhältnisse. Die Linke um Spitzenkandidatin Elif Eralp gewann die Wahl mit 25,7 Prozent deutlich und wurde erstmals stärkste Kraft in der deutschen Hauptstadt. Die bislang regierende CDU landete mit 18,8 Prozent auf Platz zwei. Dahinter folgen die AfD mit 16,3 Prozent, die Grünen mit 14,3 Prozent und die SPD mit 12,1 Prozent. Das BSW verpasste mit 4,7 Prozent den Einzug, die FDP scheiterte mit 2,5 Prozent ebenfalls an der Fünfprozenthürde. Damit ist die bisherige schwarz-rote Regierungsmehrheit beendet.
Für die Linke ist das Ergebnis historisch. Bei der Wiederholungswahl 2023 hatte sie noch 12,2 Prozent erreicht, nun hat sie ihren Stimmenanteil mehr als verdoppelt. Im neuen Abgeordnetenhaus erhält die Partei nach Angaben der Wahlleitung 47 Sitze. Die CDU kommt auf 35 Mandate, die AfD auf 29, die Grünen auf 26 und die SPD auf 22. Allein kann damit keine Partei regieren. Rechnerisch möglich sind unter anderem ein Bündnis aus Linken, Grünen und SPD sowie eine Koalition aus CDU, Grünen und SPD. Die übrigen im Abgeordnetenhaus vertretenen Parteien schließen eine Zusammenarbeit mit der AfD aus.
Eralp machte bereits am Wahlabend deutlich, dass sie die künftige Landesregierung führen will. „Die Berlinerinnen und Berliner haben mir, haben uns, den klaren Auftrag fürs Rote Rathaus gegeben“, sagte sie. Ihr Wahlerfolg ist eng mit dem Thema Wohnen verbunden. Steigende Mieten und der Mangel an bezahlbaren Wohnungen prägten den Wahlkampf in Berlin. Reuters zufolge haben sich die Angebotsmieten in der Hauptstadt seit 2014 nahezu verdoppelt; bis 2040 rechnet Berlin mit einem zusätzlichen Bedarf von rund 211.000 Wohnungen.
Genau hier könnte allerdings der erste große Konflikt bei möglichen Koalitionsverhandlungen entstehen. Eralp will die Vergesellschaftung großer privater Wohnungskonzerne vorantreiben. „Ich habe immer gesagt, wir arbeiten ab Tag eins für die Vergesellschaftung“, erklärte sie am Wahlabend. Die Forderung knüpft an den Berliner Volksentscheid von 2021 an, bei dem 57,6 Prozent für eine Vergesellschaftung großer Wohnungsbestände gestimmt hatten. Eine aktuelle Nachwahlbefragung von Infratest dimap zeigt jedoch ein verändertes Stimmungsbild: Demnach lehnen inzwischen 51 Prozent der Befragten eine Vergesellschaftung ab, 37 Prozent unterstützen sie. Besonders mit der SPD könnte das Thema bei Koalitionsgesprächen für Konflikte sorgen.
Auch Antisemitismusvorwürfe gegen Teile der Berliner Linken dürften in möglichen Verhandlungen eine Rolle spielen. Eralp hat wiederholt erklärt, jüdisches Leben in Berlin schützen und fördern zu wollen. Gleichzeitig hatten Äußerungen aus Teilen der Partei, insbesondere aus dem Neuköllner Bezirksverband, Kritik von Grünen und SPD ausgelöst. Grünen-Chef Felix Banaszak forderte am Wahlabend ein klares Bekenntnis der Linken gegen Antisemitismus. Die Vorwürfe richten sich dabei nicht pauschal gegen sämtliche Mitglieder der Partei, sondern beziehen sich auf konkrete Äußerungen und innerparteiliche Auseinandersetzungen.
Für CDU und SPD bedeutet die Wahl dagegen erhebliche Verluste. Die CDU fällt gegenüber 2023 von 28,2 auf 18,8 Prozent zurück. Für die SPD sind die 12,1 Prozent sogar das historisch schlechteste Ergebnis bei einer Berliner Abgeordnetenhauswahl. Die Sozialdemokraten, die Berlin über Jahrzehnte politisch geprägt und zahlreiche Regierende Bürgermeister gestellt hatten, landen damit nur noch auf Rang fünf. Gleichzeitig bleibt die Partei für beide derzeit diskutierten Mehrheitsoptionen ein möglicher Koalitionspartner.
Die hohe Wahlbeteiligung unterstreicht die Mobilisierung bei dieser Wahl. Nach Angaben der Wahlleitung beteiligten sich 74,2 Prozent der Wahlberechtigten. Besonders erfolgreich war die Linke bei jüngeren Menschen. Nachwahlbefragungen von Infratest dimap zufolge entschieden sich 43 Prozent der unter 25-Jährigen und 48 Prozent der 25- bis 34-Jährigen für die Partei. Unter den Erstwählern lag sie mit 38 Prozent ebenfalls klar vorn. Bei Menschen ab 60 Jahren war dagegen die CDU mit 30 Prozent stärkste Kraft.
Auch bei den Direktmandaten spiegelt sich die neue Kräfteverteilung wider. Die Linke gewann 29 der 78 Wahlkreise, die CDU 26, die AfD zwölf, die Grünen zehn und die SPD lediglich einen. Eralp setzte sich in Friedrichshain-Kreuzberg mit 50,4 Prozent direkt durch, während CDU-Spitzenkandidat Stefan Evers sein Direktmandat in Treptow-Köpenick verfehlte. Parallel wurden die zwölf Bezirksverordnetenversammlungen gewählt. Dort erreichte die Linke in sechs Bezirken die meisten Stimmen, die CDU in vier sowie AfD und Grüne jeweils in einem.
Damit beginnt in Berlin nun die entscheidende zweite Phase nach der Wahl. Der Sieg der Linken steht fest, die künftige Regierung dagegen noch nicht. Eralp kann mit Grünen und SPD über eine Mehrheit verhandeln. Gleichzeitig besitzt auch die CDU gemeinsam mit Grünen und SPD eine rechnerische Mehrheit. Welche Konstellation tatsächlich zustande kommt, hängt von den politischen Gesprächen über Wohnen, Finanzen, Verkehr, Sicherheit und den Umgang mit den innerparteilichen Kontroversen der Linken ab.
OZD/AFP
OZD-Kommentar – Wahlsieg ist noch keine Regierungsbildung
Die Linke hat die Berliner Wahl klar gewonnen. Daraus folgt ein starker politischer Anspruch auf Gespräche über eine Regierungsbildung, aber kein Automatismus für das Amt der Regierenden Bürgermeisterin. Berlin hat ein parlamentarisches Regierungssystem: Entscheidend ist, welche Parteien gemeinsam eine Mehrheit im Abgeordnetenhaus organisieren können.
Für Elif Eralp liegt die zentrale Herausforderung deshalb nach dem Wahlkampf in den Koalitionsverhandlungen. Besonders das Thema Vergesellschaftung könnte schwierig werden. Die Linke betrachtet die Umsetzung des Volksentscheids als wichtigen Teil ihres politischen Programms. Bei der SPD bestehen dagegen erhebliche Vorbehalte. Hinzu kommen die von Grünen und SPD angesprochenen Kontroversen über Antisemitismus innerhalb von Teilen der Berliner Linken.
Gleichzeitig besitzt auch die CDU eine rechnerische Koalitionsoption mit Grünen und SPD. Welche Regierung entsteht, lässt sich deshalb aus dem Wahlergebnis allein nicht ableiten. Die realistische Prognose lautet: Berlin stehen intensive Verhandlungen bevor, bei denen vor allem Wohnungs-, Finanz- und Gesellschaftspolitik zu den entscheidenden Streitpunkten gehören dürften.
Historischer Hintergrund
Die Berliner Linke hat ihre politischen Wurzeln unter anderem in der PDS, der Nachfolgepartei der SED. In den vergangenen Jahrzehnten war sie mehrfach an Berliner Landesregierungen beteiligt, stellte bislang aber nie die stärkste Kraft bei einer Abgeordnetenhauswahl.
Das ändert sich 2026. Mit 25,7 Prozent erzielt die Partei ihr historisch bestes Ergebnis in Berlin und gewinnt erstmals die Wahl zum Abgeordnetenhaus. Gegenüber der Wiederholungswahl 2023 mit 12,2 Prozent hat sie ihren Stimmenanteil mehr als verdoppelt.
Eine wichtige Vorgeschichte bildet der Volksentscheid „Deutsche Wohnen & Co enteignen“ aus dem Jahr 2021. Damals stimmten 57,6 Prozent für eine Vergesellschaftung großer Wohnungsbestände. Die Umsetzung blieb politisch und rechtlich umstritten. Eralp machte das Thema nun erneut zu einem zentralen Bestandteil ihres Wahlkampfs.
Zukunftsprognose
Die unmittelbar wichtigste Frage ist die Bildung einer neuen Berliner Landesregierung. Linke, Grüne und SPD verfügen gemeinsam über eine Mehrheit. Gleiches gilt für CDU, Grüne und SPD. Damit besitzen insbesondere Grüne und Sozialdemokraten eine wichtige Rolle bei der Suche nach einer tragfähigen Koalition.
Gesellschaftspolitisch dürfte die Wohnungsfrage im Mittelpunkt bleiben. Berlin leidet unter hohen Mieten und Wohnungsmangel. Eine mögliche Vergesellschaftung großer Immobilienunternehmen hätte erhebliche rechtliche und finanzielle Konsequenzen und dürfte deshalb in Koalitionsgesprächen besonders intensiv verhandelt werden.
Für Unternehmen und Immobilienkonzerne könnte die konkrete Wohnungspolitik einer neuen Regierung wirtschaftlich relevant werden. Mögliche Folgen für börsennotierte Immobilienunternehmen hängen jedoch von tatsächlich beschlossenen Gesetzen, Entschädigungsregelungen und gerichtlichen Entscheidungen ab. Für Euro, Rohstoffe oder den deutschen Gesamtaktienmarkt sind aus dem Berliner Wahlergebnis allein keine belastbaren unmittelbaren Auswirkungen abzuleiten.
Wer ist Elif Eralp?
Elif Eralp ist Spitzenkandidatin der Berliner Linken. Die 45-Jährige stellte im Wahlkampf insbesondere bezahlbares Wohnen und Mietenpolitik in den Mittelpunkt. Nach dem Wahlsieg erklärte sie, Regierende Bürgermeisterin von Berlin werden zu wollen.
Was bedeutet Vergesellschaftung von Wohnungskonzernen?
Gemeint ist die Überführung großer privater Wohnungsbestände in öffentliches beziehungsweise gesellschaftliches Eigentum gegen Entschädigung. Grundlage der politischen Debatte ist Artikel 15 des Grundgesetzes. Wie eine solche Vergesellschaftung konkret ausgestaltet und finanziert werden könnte, ist politisch und juristisch umstritten.
Was ist das Berliner Abgeordnetenhaus?
Das Abgeordnetenhaus ist das Landesparlament des Stadtstaates Berlin. Es beschließt Landesgesetze, kontrolliert den Senat und wählt den Regierenden Bürgermeister oder die Regierende Bürgermeisterin.
Warum ist die SPD trotz nur 12,1 Prozent wichtig?
Die SPD landet zwar lediglich auf Platz fünf, wird aber für beide derzeit rechnerisch möglichen Dreierbündnisse benötigt: sowohl für eine Koalition mit Linken und Grünen als auch für ein Bündnis mit CDU und Grünen.
OZD-Extra – Junge Berliner treiben den Linken-Sieg
Hinter dem Gesamtergebnis verbirgt sich ein auffälliger Generationenunterschied. Bei den unter 25-Jährigen erreichte die Linke laut Infratest dimap 43 Prozent. Unter den 25- bis 34-Jährigen waren es sogar 48 Prozent. Bei den Erstwählern lag sie bei 38 Prozent.
Bei älteren Wählern zeigt sich ein anderes Bild. Unter den Menschen ab 60 Jahren war die CDU mit 30 Prozent stärkste Partei. Die Berliner Wahl offenbart damit nicht nur politische Unterschiede zwischen Parteien und Bezirken, sondern auch erhebliche Unterschiede zwischen den Generationen.
Für die Immobilienwirtschaft wird nun entscheidend, welche Koalition entsteht und welche wohnungspolitischen Maßnahmen sie tatsächlich vereinbart. Eine Umsetzung der Vergesellschaftungspläne könnte insbesondere große private Wohnungseigentümer betreffen. Die konkreten Auswirkungen auf Aktienkurse oder Unternehmenswerte lassen sich vor Abschluss politischer und rechtlicher Verfahren jedoch nicht seriös beziffern.
Gewinnspiel
Wie viel Prozent erreichte die Linke bei der Berliner Abgeordnetenhauswahl?
A: 18,8 Prozent
B: 21,4 Prozent
C: 25,7 Prozent
D: 29,3 Prozent
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Alle Angaben ohne Gewähr. Mit KI unterstützt. Titelbild AFP.