Fakten im Überblick
Bundesliga, Premier League, La Liga und Serie A wollen gemeinsam eine Reform der Führungs- und Entscheidungsstrukturen des Fußball-Weltverbands FIFA fordern.
Die vier Top-Ligen verlangen insbesondere mehr Mitsprache bei Entscheidungen über den internationalen Fußballkalender und eine unabhängigere Kontrolle der FIFA.
Ob die gemeinsame Erklärung ausdrücklich den Rücktritt von FIFA-Präsident Gianni Infantino fordert, war zunächst offen.
Der Machtkampf um die Zukunft des Weltfußballs erreicht eine neue Stufe. Die Bundesliga sowie die englische Premier League, die spanische La Liga und die italienische Serie A wollen nach Informationen von Sky News gemeinsam eine Reform der FIFA verlangen. Die vier wirtschaftlich und sportlich bedeutenden europäischen Ligen planen eine Erklärung, in der sie unter anderem eine stärkere Beteiligung an Entscheidungen über den internationalen Fußballkalender fordern. Nach den vorliegenden Informationen soll es außerdem um unabhängigere Aufsicht und eine tatsächliche Mitsprache der Ligen und anderer Interessengruppen bei wichtigen Entscheidungen des Weltverbands gehen. Ob sich die vier Ligen dabei ausdrücklich der Forderung nach einem Rücktritt von FIFA-Präsident Gianni Infantino anschließen, war zunächst nicht geklärt.
Der Vorstoß verschärft einen Konflikt, der weit über die Person Infantinos hinausgeht. Europas nationale Ligen werfen der FIFA seit Jahren vor, Entscheidungen über neue und ausgeweitete Wettbewerbe zu treffen, ohne die Folgen für nationale Meisterschaften, Vereine und Spieler ausreichend zu berücksichtigen. Besonders die erweiterte Klub-Weltmeisterschaft und die zunehmende Zahl internationaler Termine haben die Spannungen verschärft. Die European Leagues Association, zu der auch die Bundesliga, Premier League, La Liga und Serie A gehören, hatte wegen des internationalen Spielkalenders bereits eine rechtliche Beschwerde auf europäischer Ebene eingereicht.
Anfang August hatten die European Leagues ihre Forderung noch einmal grundsätzlich formuliert. Bei Entscheidungen, die die Zukunft des Fußballs prägen, müssten „alle relevanten Akteure formell an Entscheidungen beteiligt werden“. Solange es keine Reform gebe, „die auch eine rechtsverbindliche Einbindung aller relevanten Akteure im Fußball einschließt“, würden die europäischen Ligen die Erweiterung oder Schaffung weiterer FIFA-Wettbewerbe ablehnen. Hinter diesem Streit steht ein handfestes wirtschaftliches Problem: Jeder zusätzliche internationale Wettbewerb beansprucht Termine, Spieler und Vermarktungsflächen, die zugleich für nationale Ligen und Vereine von großer Bedeutung sind.
Der aktuelle Vorstoß fällt in die schwerste Führungskrise der bisherigen Amtszeit Infantinos. Besonders umstritten war sein inzwischen aufgegebener Plan, einen Anteil an kommerziellen FIFA-Rechten über die sogenannte FIFA Forward Enterprise für privates Kapital zu öffnen. Der Vorschlag sah nach übereinstimmenden Berichten eine Beteiligung privater Investoren an kommerziellen Rechten vor, darunter auch Rechte rund um die Weltmeisterschaft. Als möglicher Ankerinvestor war Thrive Capital des US-Investors Josh Kushner im Gespräch, dessen Bruder Jared Kushner mit Ivanka Trump verheiratet ist. Nach massivem Widerstand aus Teilen des Weltfußballs wurde das Vorhaben aufgegeben.
Der Widerstand gegen Infantino reicht inzwischen deutlich über die europäischen Ligen hinaus. UEFA, die Asiatische Fußball-Konföderation AFC und der nord- und mittelamerikanische Verband CONCACAF hatten sich gegen das Investorenprojekt gestellt. Aus Europa kommen zudem Forderungen nach einem Führungswechsel bei der FIFA. Auch DFB-Präsident Bernd Neuendorf und Ligapräsident Hans-Joachim Watzke haben sich gegen eine weitere Amtszeit Infantinos positioniert. Watzke kritisierte insbesondere die fehlende Transparenz bei wichtigen FIFA-Entscheidungen.
Infantino selbst reagierte am Montag mit einem bemerkenswerten Schreiben an die 211 FIFA-Mitgliedsverbände und das FIFA-Council. Darin schlug er eine „unabhängige, externe Prüfung“ der Führungsstrukturen bei wichtigen strategischen Entscheidungen vor. Außerdem stellte er Gespräche mit Konföderationen, nationalen Verbänden und anderen Interessengruppen über eine stärkere Beteiligung an Entscheidungsprozessen in Aussicht. Nach seinen Vorstellungen soll unter anderem untersucht werden, welche Rollen Präsident, FIFA-Council und Kongress bei großen Projekten spielen und wie Transparenz und Rechenschaftspflicht verbessert werden können. Erste Vorschläge könnten beim nächsten FIFA-Council am 15. Oktober diskutiert werden.
Damit nähert sich Infantino zumindest sprachlich einer zentralen Forderung seiner Kritiker an. Allerdings hat er bislang keinen Rückzug angekündigt. Im Gegenteil: Er strebt beim FIFA-Kongress am 18. März 2027 in Rabat in Marokko eine weitere Amtszeit an. Mögliche Gegenkandidaten müssen bis zum 18. November nominiert werden. Bislang hat sich kein klarer Herausforderer etabliert, während sich der Widerstand gegen Infantino in Teilen Europas deutlich verstärkt hat.
Für den internationalen Fußball geht es deshalb inzwischen um zwei miteinander verbundene Fragen. Die erste lautet, wer künftig über Wettbewerbe, Termine und Milliardenprojekte entscheidet. Die zweite betrifft die Führung der FIFA selbst. Die europäischen Ligen verlangen institutionelle Mitsprache, mehrere Verbände fordern mehr Transparenz und einzelne Funktionäre wollen einen Wechsel an der Spitze. Infantino versucht seinerseits, den Reformdruck durch eine externe Überprüfung und neue Konsultationen aufzunehmen.
Die geplante gemeinsame Erklärung von Bundesliga, Premier League, La Liga und Serie A besitzt vor diesem Hintergrund erhebliche Symbolkraft. Normalerweise konkurrieren die vier Ligen um internationale Aufmerksamkeit, TV-Einnahmen, Sponsoren und die besten Spieler. Nun treten sie bei einer zentralen Machtfrage gemeinsam auf. Damit senden sie der FIFA ein Signal: Europas wirtschaftlich stärkste nationale Wettbewerbe wollen Entscheidungen über die Zukunft des Weltfußballs nicht länger allein dem Weltverband überlassen.
OZD/AFP
OZD-Kommentar – Der Streit dreht sich um mehr als Gianni Infantino
Die aktuelle Auseinandersetzung lässt sich leicht auf die Zukunft Gianni Infantinos reduzieren. Tatsächlich reicht der Konflikt tiefer.
FIFA, nationale Verbände, kontinentale Konföderationen, Vereine und Ligen verfolgen teilweise unterschiedliche Interessen. Die FIFA profitiert von attraktiven internationalen Wettbewerben. Nationale Ligen wiederum benötigen ausreichend Platz im Kalender für ihre eigenen Wettbewerbe. Vereine müssen die Belastung ihrer Spieler berücksichtigen.
Die gemeinsame Initiative von Bundesliga, Premier League, La Liga und Serie A macht deutlich, dass diese Interessenkonflikte inzwischen eine institutionelle Dimension erreicht haben. Die Ligen verlangen nicht nur einzelne Änderungen am Kalender, sondern eine verbindlichere Beteiligung an Entscheidungen.
Infantinos Angebot einer externen Überprüfung kann ein Ansatzpunkt für eine Reformdiskussion sein. Entscheidend wird jedoch sein, welche konkreten Befugnisse und Kontrollmechanismen daraus entstehen. Eine Prüfung allein verändert noch keine Entscheidungsstruktur.
Bis zum FIFA-Kongress im März 2027 dürften deshalb sowohl die Governance-Frage als auch die Personaldebatte anhalten. Ob Infantino im Amt bleibt, entscheidet letztlich das Wahlverfahren innerhalb der FIFA; aus dem gegenwärtigen Widerstand europäischer Akteure lässt sich das Ergebnis nicht seriös ableiten.
Historischer Hintergrund
Die FIFA wurde 1904 gegründet und hat ihren Sitz in Zürich. Heute gehören dem Weltverband 211 nationale Mitgliedsverbände an. Zu seinen wichtigsten Aufgaben gehören die Organisation internationaler Wettbewerbe und insbesondere der Fußball-Weltmeisterschaft.
Über Jahrzehnte wuchs die wirtschaftliche Bedeutung der FIFA erheblich. Fernsehrechte, Sponsoring und Vermarktung rund um die Weltmeisterschaften generieren Milliardenumsätze.
Gianni Infantino wurde 2016 zum FIFA-Präsidenten gewählt. Er folgte auf Sepp Blatter, dessen lange Amtszeit im Zuge einer schweren Korruptions- und Führungskrise endete.
Unter Infantino weitete die FIFA mehrere Wettbewerbe aus. Besonders die vergrößerte Klub-WM führte zu Konflikten mit europäischen Ligen und Spielervertretern. Kritiker sehen eine zunehmende Belastung des internationalen Spielkalenders, während die FIFA zusätzliche globale Wettbewerbe als Möglichkeit zur internationalen Entwicklung und wirtschaftlichen Teilhabe des Fußballs betrachtet.
Der Konflikt über den Kalender erreichte schließlich auch die europäische Rechtsebene. Die European Leagues Association und andere Akteure gingen gegen die aus ihrer Sicht unzureichende Einbindung in die Gestaltung des internationalen Spielkalenders vor.
Zukunftsprognose
Sportpolitisch werden die kommenden Monate entscheidend. Am 15. Oktober kommt das FIFA-Council zusammen. Dort könnten Infantinos Vorschläge für eine externe Governance-Prüfung und eine stärkere Beteiligung verschiedener Interessengruppen erstmals konkret behandelt werden.
Bis zum 18. November richtet sich der Blick anschließend auf mögliche Kandidaturen für das Präsidentenamt. Erst dann dürfte klarer werden, ob Infantino bei der Wahl im März tatsächlich einen Gegenkandidaten erhält.
Wirtschaftlich geht es um erhebliche Summen. Internationale Turniere, Fernsehrechte, Sponsoring und der globale Spielkalender beeinflussen die Geschäftsmodelle von FIFA, Ligen und Vereinen. Eine Begrenzung zusätzlicher FIFA-Wettbewerbe könnte die Stellung nationaler Wettbewerbe stärken, während eine weitere Expansion internationaler Turniere zusätzliche globale Erlöse ermöglichen kann.
Für börsennotierte Fußballvereine, Medienunternehmen und Sportrechte-Anbieter können Veränderungen am internationalen Kalender wirtschaftlich relevant sein. Direkte Auswirkungen auf breite Aktienmärkte, Rohstoffe oder Währungen sind aus dem Governance-Streit dagegen nicht abzuleiten.
International könnte die Auseinandersetzung auch das Machtverhältnis zwischen Europa und den übrigen FIFA-Konföderationen beeinflussen. Die FIFA ist ein globaler Verband, und Europas wirtschaftliche Stärke bedeutet nicht automatisch eine entsprechende Stimmenmehrheit bei Präsidentschaftswahlen.
Wer ist Gianni Infantino?
Gianni Infantino ist ein schweizerisch-italienischer Fußballfunktionär und seit 2016 Präsident des Weltverbands FIFA. Zuvor arbeitete er viele Jahre für die UEFA und war dort unter anderem Generalsekretär.
Was sind die European Leagues?
Die European Leagues sind eine Interessenvertretung europäischer professioneller Fußballligen. Zu ihren Mitgliedern gehören unter anderem die Bundesliga, Premier League, La Liga und Serie A.
Warum streiten die Ligen mit der FIFA?
Ein zentraler Konfliktpunkt ist der internationale Spielkalender. Neue oder größere FIFA-Wettbewerbe benötigen zusätzliche Termine und können dadurch nationale Ligen und die Belastung der Spieler beeinflussen. Die europäischen Ligen verlangen deshalb verbindlichere Mitsprache bei entsprechenden Entscheidungen.
Was war FIFA Forward Enterprise?
Das Projekt sollte privates Kapital in eine kommerzielle FIFA-Struktur holen. Geplant war unter anderem, einen Anteil an kommerziellen Rechten für Investoren zu öffnen. Nach erheblichem Widerstand wurde das Vorhaben aufgegeben.
OZD-Extra – Warum vier konkurrierende Ligen plötzlich gemeinsam auftreten
Bundesliga, Premier League, La Liga und Serie A gehören zu den größten Konkurrenten im europäischen Fußballgeschäft. Sie kämpfen um Zuschauer, internationale TV-Verträge, Sponsoren und Weltstars.
Beim internationalen Spielkalender besitzen sie jedoch ein gemeinsames Interesse.
Jeder zusätzliche FIFA-Termin beansprucht Zeit, in der die besten Spieler ihren Vereinen nicht oder nur unter zusätzlicher Belastung zur Verfügung stehen. Gleichzeitig konkurrieren internationale Turniere mit den nationalen Wettbewerben um Aufmerksamkeit und Medienerlöse.
Deshalb ist die geplante gemeinsame Erklärung bemerkenswert. Die vier Ligen bündeln ihre politische und wirtschaftliche Bedeutung, um gegenüber der FIFA mehr Einfluss auf Entscheidungen zu verlangen.
Hinzu kommt der Zeitpunkt: Infantino befindet sich vor dem FIFA-Kongress im März 2027 in einer entscheidenden Phase. Gleichzeitig bietet er selbst eine externe Prüfung der FIFA-Führungsstrukturen an. Damit treffen der Reformdruck von außen und die Reformangebote des FIFA-Präsidenten unmittelbar aufeinander.
Gewinnspiel
Welche vier europäischen Top-Ligen wollen gemeinsam FIFA-Reformen fordern?
A: Bundesliga, Premier League, La Liga und Serie A
B: Bundesliga, Ligue 1, Eredivisie und Primeira Liga
C: Premier League, Süper Lig, Bundesliga und Ligue 1
D: La Liga, Serie A, Scottish Premiership und Bundesliga
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Alle Angaben ohne Gewähr. Mit KI unterstützt. Titelbild AFP.