Fakten im Überblick
Brandon McNulty gewinnt nach 273,4 Kilometern vor Michael Matthews und Mathieu van der Poel erstmals den WM-Titel im Straßenrennen.
Florian Lipowitz verliert rund 75 Kilometer vor dem Ziel den Anschluss an die Favoriten und beendet das Rennen auf Platz 47.
Titelverteidiger Tadej Pogacar kann wegen einer bei der Vuelta erlittenen Sturzverletzung nicht antreten.
Brandon McNulty konnte seinen Triumph selbst kaum fassen. Kurz vor der Ziellinie schlug der US-Amerikaner ungläubig beide Hände auf seinen Helm, wenig später hüllte er sich in die amerikanische Flagge und feierte mit seiner Ehefrau Summer den größten Erfolg seiner Karriere. Der 28-Jährige hat zum Abschluss der Straßenrad-Weltmeisterschaften in Kanada völlig überraschend das 273,4 Kilometer lange Straßenrennen gewonnen und sich erstmals das Regenbogentrikot gesichert. Hinter dem neuen Weltmeister belegte der Australier Michael Matthews den zweiten Platz, Ex-Weltmeister Mathieu van der Poel aus den Niederlanden holte Bronze.
„Ich weiß gar nicht, was ich sagen soll“, sagte McNulty mit Tränen in den Augen: „Ich habe einfach weiter Gas gegeben. Ich habe heute früh mit meiner Frau darüber gescherzt. Es ist wie ein Wunder.“ Tatsächlich war sein Sieg angesichts der hochkarätigen Konkurrenz eine der großen Überraschungen dieser Weltmeisterschaften. McNulty ist der erste Straßenrad-Weltmeister aus den USA seit 1993. Der damalige Sieger Lance Armstrong gratulierte via X und bezeichnete McNulty als „verdienten Sieger“ im „mit Abstand spannendsten Rennen des Jahres.“
Einer der größten Namen fehlte allerdings an der Startlinie. Der slowenische Superstar Tadej Pogacar, Weltmeister der Jahre 2024 und 2025 und im Profialltag Teamkollege McNultys, konnte seinen Titel wegen einer bei der Vuelta erlittenen Sturzverletzung nicht verteidigen. Damit stand bereits vor dem Rennen fest, dass Pogacars zweijährige Regentschaft im Regenbogentrikot enden würde.
Andere Favoriten waren dagegen dabei – und mussten sich geschlagen geben. Remco Evenepoel hatte erst eine Woche zuvor seinen insgesamt vierten WM-Triumph im Einzelzeitfahren gefeiert und hoffte auf das historische Double. Im Straßenrennen reichte es für den Belgier jedoch nur zu Platz zwölf.
Auch für die deutsche Mannschaft verlief der WM-Abschluss enttäuschend. Das Warten auf den ersten deutschen Weltmeister im Straßenrennen seit Rudi Altig 1966 geht weiter. Das sechsköpfige Team konnte im entscheidenden Teil des Rennens nicht in den Kampf um die Medaillen eingreifen. Der deutsche Meister Felix Engelhardt gehörte zwar zu einer frühen größeren Fluchtgruppe, diese besaß jedoch keine realistische Chance, den Vorsprung bis ins Finale zu retten.
Besonders im Blickpunkt stand Florian Lipowitz. Der Deutsche war nach seinem Sturz bei der Tour de France im Juli erst vor Kurzem ins Renngeschehen zurückgekehrt. Rund 75 Kilometer vor dem Ziel konnte Lipowitz das Tempo der Favoritengruppe nicht mehr halten. Am Ende erreichte er mit 7:02 Minuten Rückstand Platz 47. Bester Deutscher wurde Georg Zimmermann auf Rang 38 mit 6:48 Minuten Rückstand.
„Es war ein super harter Tag. Mir hat einfach ein bisschen der Punch gefehlt. Die letzte Stunde war heute einfach zu lang für mich“, sagte Lipowitz im ZDF: „Aber ich bin trotzdem super happy, hier ins Ziel zu kommen.“
Die Entscheidung fiel auf dem anspruchsvollen Rundkurs um den Mont Royal. Nach dem Einbiegen auf die 13,4 Kilometer lange Schleife, die zwölfmal absolviert werden musste, nahm die Intensität deutlich zu. Die steilen Anstiege Côte Camillien-Houde und Chemin de Polytechnique verwandelten das Rennen zunehmend in ein Ausscheidungsfahren.
Mit jeder Runde schrumpfte das Hauptfeld. Überraschend früh verlor auch der frisch gekürte spanische Vuelta-Sieger Enric Mas den Anschluss. Als die Favoriten das Tempo weiter erhöhten, konnte er nicht mehr folgen.
Van der Poel gehörte dagegen zu den aktivsten Fahrern. Der dreimalige Sieger von Paris-Roubaix attackierte und setzte sich zeitweise mit einer kleinen Gruppe ab. Dahinter versuchten unter anderem der Mexikaner Isaac Del Toro und der Franzose Paul Seixas, die Situation zu kontrollieren. Doch die Verfolger fanden keine dauerhafte Zusammenarbeit.
35 Kilometer vor dem Ziel kam die entscheidende Szene.
Die Verfolger schlossen wieder auf – und McNulty erkannte seine Gelegenheit. Der Amerikaner attackierte alleine und fuhr innerhalb kurzer Zeit einen Vorsprung von zeitweise rund einer Minute heraus.
Plötzlich war der Außenseiter auf Goldkurs.
Hinter ihm schrumpfte der Abstand zwar wieder, doch die Verfolger konnten keine geordnete Nachführarbeit organisieren. Immer wieder fehlte die Einigkeit, während McNulty vorne weiter alles riskierte.
Der Amerikaner hielt durch.
Nach 273,4 Kilometern erreichte er als Erster das Ziel, schlug die Hände auf den Helm und konnte kaum glauben, was ihm gelungen war.
Aus dem Außenseiter Brandon McNulty war innerhalb weniger Kilometer der neue Weltmeister geworden.
OZD/SID
OZD-Kommentar – McNulty gewinnt, weil die Favoriten zu lange zögern
Straßenrad-Weltmeisterschaften besitzen eine besondere Dynamik. Es gibt keine eingespielten Profiteams, keine wochenlang perfektionierten Mannschaftsabläufe und häufig keine klare Hierarchie im Finale.
Genau diese Situation nutzte Brandon McNulty.
Seine Attacke 35 Kilometer vor dem Ziel war mutig. Entscheidend war aber ebenso, was hinter ihm geschah. Die Verfolger hatten genug Qualität, um den Amerikaner unter Druck zu setzen, doch eine dauerhaft organisierte Jagd kam nicht zustande.
McNulty musste nicht der größte Favorit sein. Er musste im richtigen Moment der entschlossenste Fahrer sein.
Für Florian Lipowitz fällt die Bilanz differenzierter aus. Nach seinem Sturz bei der Tour de France und der anschließenden Rennpause fehlte ihm auf dem schweren Kurs die letzte Explosivität. Dass er das Rennen dennoch beendete, ist für seinen weiteren Aufbau wertvoll, ändert aber nichts daran, dass Deutschland im Kampf um die Medaillen keine entscheidende Rolle spielte.
McNultys Erfolg erinnert daran, weshalb ein WM-Straßenrennen so schwer vorherzusagen ist: Ein einziger entschlossener Angriff kann sämtliche taktischen Berechnungen verändern.
Historischer Hintergrund
Die Straßenrad-Weltmeisterschaften gehören zu den traditionsreichsten Veranstaltungen des internationalen Radsports. Der Sieger des Straßenrennens darf ein Jahr lang das berühmte Regenbogentrikot tragen.
Deutschland wartet bei den Männern seit 1966 auf einen Weltmeister im Straßenrennen. Damals gewann Rudi Altig den Titel auf dem Nürburgring.
Die USA mussten ebenfalls lange auf einen neuen Weltmeister warten. McNulty ist der erste US-Sieger seit Lance Armstrong 1993.
Tadej Pogacar hatte die beiden vorherigen Weltmeisterschaften 2024 und 2025 gewonnen. Eine Verletzung verhinderte in Kanada seinen Versuch, einen dritten Titel in Serie zu holen.
Zukunftsprognose
Für Brandon McNulty verändert der WM-Titel seine sportliche Stellung deutlich. Das Regenbogentrikot wird ihn während der kommenden Saison bei jedem Straßenrennen sichtbar als amtierenden Weltmeister kennzeichnen.
Sein Erfolg zeigt zugleich, dass er bei anspruchsvollen Eintagesrennen künftig noch stärker beachtet werden dürfte. Als Teamkollege von Tadej Pogacar ergeben sich dabei interessante taktische Möglichkeiten, aber auch neue Erwartungen.
Für Florian Lipowitz dürfte zunächst die weitere Rückkehr zu voller Rennbelastung im Mittelpunkt stehen. Das WM-Ergebnis zeigt, dass nach der Verletzung noch Schritte fehlen, um bei einem extrem langen und schweren Rennen mit den stärksten Fahrern bis ins Finale mithalten zu können.
Deutschland muss dagegen weiter auf einen Nachfolger von Rudi Altig warten. 60 Jahre nach dessen WM-Titel bleibt der Straßen-Weltmeistertitel bei den Männern aus deutscher Sicht unerreicht.
Wer ist Brandon McNulty?
Brandon McNulty ist ein US-amerikanischer Radprofi. Der 28-Jährige gehört im Profiradsport zum selben Team wie Tadej Pogacar.
Mit seinem Erfolg in Kanada gewinnt McNulty erstmals das Straßenrennen einer Weltmeisterschaft und darf künftig das Regenbogentrikot tragen.
Wer ist Florian Lipowitz?
Florian Lipowitz gehört zu den bekanntesten deutschen Rundfahrern seiner Generation. Nach einem Sturz bei der Tour de France im Juli musste er pausieren und war erst kurz vor der Weltmeisterschaft ins Renngeschehen zurückgekehrt.
Bei der WM belegte er mit 7:02 Minuten Rückstand Rang 47.
Was ist das Regenbogentrikot?
Das Regenbogentrikot ist das traditionelle Trikot des amtierenden Radsport-Weltmeisters.
Der Weltmeister darf es bis zur nächsten WM in Rennen seiner jeweiligen Disziplin tragen. Dadurch ist der Titelgewinn während einer gesamten Saison sichtbar.
Was machte den WM-Kurs so schwer?
Das Finale führte über einen 13,4 Kilometer langen Rundkurs rund um den Mont Royal. Die Fahrer mussten diese Schleife zwölfmal bewältigen.
Besonders die Anstiege Côte Camillien-Houde und Chemin de Polytechnique sorgten dafür, dass das Feld Runde für Runde kleiner wurde.
OZD-Extra – Deutschland wartet seit 60 Jahren auf den nächsten Altig
1966 wurde Rudi Altig Straßenrad-Weltmeister. Seither hat kein deutscher Fahrer bei den Männern diesen Titel wieder gewonnen.
Auch bei dieser WM sollte sich daran nichts ändern.
Georg Zimmermann war auf Platz 38 bester Deutscher, Florian Lipowitz belegte Rang 47. Felix Engelhardt zeigte sich früh in einer Fluchtgruppe, konnte aber ebenfalls nicht entscheidend in den Kampf um die Medaillen eingreifen.
Damit wächst die historische Dimension weiter: Sechs Jahrzehnte liegen inzwischen zwischen Altigs Triumph und dem nächsten deutschen Versuch, das Regenbogentrikot zu erobern.
Für die USA endet dagegen eine lange Wartezeit.
33 Jahre nach dem Titel von Lance Armstrong sorgt Brandon McNulty wieder für einen amerikanischen Sieg im WM-Straßenrennen.
Gewinnspiel
Wie weit vor dem Ziel startete Brandon McNulty seine entscheidende Solo-Attacke?
A: 15 Kilometer
B: 25 Kilometer
C: 35 Kilometer
D: 55 Kilometer
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Alle Angaben ohne Gewähr. Mit KI unterstützt. Titelbild AFP.