Fakten im Überblick
Großbritannien öffnet das UK Resettlement Scheme mit sofortiger Wirkung wieder für besonders schutzbedürftige Flüchtlinge.
Rund ein Viertel der Vermittlungen soll afghanische Frauen und Mädchen sowie palästinensische Flüchtlinge betreffen.
Zunächst rechnet die britische Regierung über die Aufnahmeprogramme mit Hunderten Menschen; später soll die Zahl unter bestimmten Bedingungen auf wenige Tausend steigen.
Großbritannien öffnet wieder einen staatlich organisierten Weg für besonders schutzbedürftige Flüchtlinge. Innenministerin Shabana Mahmood kündigte beim Labour-Parteitag in Liverpool an, das UK Resettlement Scheme für neue Vermittlungen wieder zu öffnen. „Wir werden schutzbedürftige Flüchtlinge aus aller Welt aufnehmen und ihnen die Chance auf ein neues und besseres Leben hier in Großbritannien geben“, sagte Mahmood.
Das Programm startet unmittelbar. Die ersten Flüchtlinge sollen nach Angaben des britischen Innenministeriums noch vor Ende 2026 eintreffen. Rund ein Viertel der Vermittlungen soll afghanische Frauen und Mädchen sowie palästinensische Flüchtlinge betreffen.
Die Auswahl soll nicht allein durch die britischen Behörden erfolgen. London arbeitet dafür mit dem UN-Flüchtlingshilfswerk UNHCR und dem International Refugee Assistance Project, kurz IRAP, zusammen. Beide Organisationen sollen besonders schutzbedürftige Menschen über etablierte Verfahren identifizieren und vermitteln.
Mahmood verband die humanitäre Öffnung zugleich mit einem klaren Bekenntnis zur Begrenzung der Zuwanderung. Die Briten seien der Auffassung, „dass wir Mitgefühl haben, unsere internationalen Verpflichtungen einhalten und die Leben jener retten sollten, die vor Krieg und Verfolgung fliehen“.
Unmittelbar danach setzte sie jedoch eine zweite Botschaft: „Ich weiß aber auch, dass der Prozess gedeckelt und kontrolliert sein muss. Die Gemeinden müssen bereit und in der Lage sein, Neuankömmlinge willkommen zu heißen.“
Genau diese Verbindung aus humanitärer Aufnahme und staatlicher Begrenzung bildet den Kern des neuen Modells.
Die britische Regierung will jährlich eine Obergrenze festlegen. Über das wiedereröffnete UK Resettlement Scheme und drei zusätzliche sichere und legale Aufnahmewege sollen zunächst insgesamt Hunderte Menschen nach Großbritannien gelangen. Wenn die irreguläre Migration zurückgeht, stellt die Regierung perspektivisch einen Anstieg auf eine niedrige vierstellige Zahl in Aussicht.
Die Regierung plant zusätzlich neue Formen des Sponsorings. Gemeinnützige Organisationen und lokale Gemeinschaften sollen Flüchtlinge unterstützen können. Universitäten sollen künftig Flüchtlingsstudenten aufnehmen, Unternehmen über einen weiteren Weg Flüchtlinge für Beschäftigungsmöglichkeiten unterstützen können.
Für das Community- und Studenten-Sponsoring sollen sich Organisationen ab Oktober bewerben können. Erste Ankünfte über diese beiden Wege erwartet die Regierung im Herbst 2027. Bewerbungen für das arbeitsbezogene Sponsoring sollen im Frühjahr 2027 beginnen; erste Ankünfte sind ebenfalls für später im Jahr vorgesehen.
Die Sponsoren sollen nicht lediglich die Einreise ermöglichen. Vorgesehen sind unter anderem Unterstützung bei Unterkunft, Integration und Arbeitssuche. Damit will die Regierung zugleich die Belastung britischer Kommunen begrenzen.
Menschen, die über diese neuen sicheren und legalen Wege aufgenommen werden, sollen nach fünf Jahren einen Weg zu einem dauerhaften Aufenthaltsstatus erhalten. Die Regierung will damit bewusst einen Unterschied zwischen staatlich organisierten Aufnahmewegen und irregulärer Einreise schaffen.
Die Entscheidung ist Teil einer wesentlich größeren Neuordnung der britischen Migrationspolitik.
Die Labour-Regierung verfolgt gleichzeitig einen restriktiveren Kurs gegen irreguläre Migration und hat Maßnahmen zur Begrenzung beziehungsweise stärkeren Kontrolle anderer Formen der Einwanderung auf den Weg gebracht. Innerhalb der Labour-Partei sind Teile dieses Kurses umstritten. Mehr als hundert Labour-Abgeordnete und Gewerkschaften hatten zuletzt beispielsweise geplante Verschärfungen beim dauerhaften Aufenthaltsrecht für ausländische Pflegekräfte kritisiert.
Das neue Flüchtlingsprogramm setzt an einer anderen Stelle an: Statt irregulärer Migration soll eine begrenzte Zahl besonders gefährdeter Menschen einen vorher kontrollierten und legalen Weg nach Großbritannien erhalten.
Besonders bedeutsam ist das für Menschen aus Afghanistan.
Großbritannien hatte seine bisherigen Afghanistan-Aufnahmewege für neue Bewerbungen beziehungsweise Vermittlungen 2025 geschlossen. Das Afghan Relocations and Assistance Policy Scheme wurde zum 1. Juli 2025 für neue Anträge geschlossen. Auch über das Afghan Citizens Resettlement Scheme sollten keine neuen Vermittlungen mehr angenommen werden. Bereits laufende Fälle werden weiterhin bearbeitet.
Nun sollen besonders gefährdete afghanische Frauen und Mädchen über das wieder geöffnete allgemeine Flüchtlingsprogramm erneut eine Perspektive erhalten.
Auch Palästinenser sollen ausdrücklich berücksichtigt werden. Zusammen mit afghanischen Frauen und Mädchen sollen sie ungefähr ein Viertel der vermittelten Flüchtlinge ausmachen. Die übrigen Plätze sind für schutzbedürftige Menschen aus anderen Teilen der Welt vorgesehen.
Die Regierung stellt das Programm damit nicht als unbegrenzte Öffnung, sondern als kontrollierten Gegenentwurf zu gefährlichen irregulären Fluchtrouten dar.
Wie groß das Programm tatsächlich wird, hängt deshalb nicht nur vom weltweiten Schutzbedarf ab.
Es hängt auch von politischen Entscheidungen in London, festgelegten jährlichen Obergrenzen, verfügbaren Aufnahmeplätzen in britischen Gemeinden und nach Darstellung der Regierung von der Entwicklung der irregulären Migration ab.
Damit versucht Großbritannien, zwei Ziele miteinander zu verbinden, die in der europäischen Migrationspolitik seit Jahren für Spannungen sorgen: weniger irreguläre Einreisen und gleichzeitig legale Wege für besonders schutzbedürftige Flüchtlinge.
OZD/AFP
OZD-Kommentar – Zwischen Schutz und Kontrolle
Das neue britische Aufnahmeprogramm macht einen grundlegenden Zielkonflikt der europäischen Flüchtlingspolitik sichtbar.
Auf der einen Seite steht die Verpflichtung, Menschen zu schützen, die vor Krieg und Verfolgung fliehen. Auf der anderen Seite wollen Regierungen Migration planbarer machen und die Zahl irregulärer Einreisen reduzieren.
Die britische Regierung versucht, beide Ziele miteinander zu verbinden. Aufnahmeplätze werden begrenzt, Menschen sollen über UNHCR und IRAP ausgewählt werden, und die jährliche Zahl soll staatlich festgelegt werden. Gleichzeitig entstehen neue legale Wege über Kommunen, Universitäten und Arbeitgeber.
Politisch wird entscheidend sein, wie sich dieses Modell in der Praxis entwickelt. Befürworter legaler Aufnahmewege sehen darin eine Möglichkeit, besonders gefährdete Menschen sicher nach Großbritannien zu bringen. Kritiker können dagegen sowohl den Umfang der Aufnahme als auch die Begrenzung der Plätze unterschiedlich bewerten.
Auch innerhalb von Labour gibt es unterschiedliche Positionen zum breiteren migrationspolitischen Kurs der Regierung. Das Flüchtlingsprogramm allein löst diese Debatte nicht.
Es schafft jedoch einen klar definierten legalen Aufnahmeweg, nachdem frühere Programme – insbesondere für Afghanistan – für neue Bewerbungen beziehungsweise Vermittlungen geschlossen worden waren.
Historischer Hintergrund
Großbritannien besitzt eine lange Geschichte staatlicher Flüchtlingsaufnahme.
In den vergangenen Jahren entstanden besondere Programme unter anderem für Menschen aus Syrien, Afghanistan und der Ukraine sowie spezielle Aufenthaltsmöglichkeiten für Menschen aus Hongkong. Auf diese Tradition verweist auch die britische Regierung bei der Wiedereröffnung des UK Resettlement Scheme.
Besondere Bedeutung erhielt Afghanistan nach der Machtübernahme der Taliban im August 2021.
Großbritannien schuf mehrere Aufnahmewege für gefährdete Afghanen und Menschen, die zuvor mit britischen Institutionen zusammengearbeitet hatten.
Diese Programme wurden später schrittweise für neue Bewerbungen geschlossen. Seit dem 1. Juli 2025 nimmt das Afghan Relocations and Assistance Policy Scheme keine neuen Anträge mehr an. Auch über das Afghan Citizens Resettlement Scheme gibt es keine neuen Vermittlungen.
Parallel entwickelte sich die irreguläre Migration über den Ärmelkanal zu einem zentralen Thema der britischen Innenpolitik.
Die Regierung versucht deshalb, die Kontrolle über Migration zu erhöhen und zugleich legale Aufnahmewege für ausgewählte besonders schutzbedürftige Menschen bereitzustellen.
Die Wiedereröffnung des UK Resettlement Scheme ist Teil dieses Ansatzes.
Zukunftsprognose
Politisch dürfte das Programm die britische Debatte über Migration nicht beenden. Die Regierung verbindet ausdrücklich einen restriktiveren Umgang mit irregulärer Einreise mit begrenzten legalen Aufnahmewegen.
Die tatsächliche Größenordnung bleibt zunächst überschaubar. Die Regierung erwartet über das UK Resettlement Scheme und die drei zusätzlichen Sponsoring-Wege anfangs insgesamt Hunderte Ankünfte. Später könnte die Zahl auf wenige Tausend steigen, wobei jährlich eine Obergrenze festgelegt werden soll.
Gesellschaftlich wird entscheidend sein, wie gut Integration, Wohnraumversorgung, Sprachförderung und Zugang zum Arbeitsmarkt funktionieren. Die Regierung will deshalb Sponsoren stärker in Unterbringung und Integration einbeziehen.
International könnte das Modell für andere europäische Staaten interessant sein, weil es humanitäre Aufnahme ausdrücklich mit festen Obergrenzen und Sponsoring verbindet.
Wirtschaftlich dürfte das zunächst kleine Programm allein keine bedeutenden Auswirkungen auf das britische Pfund oder die Londoner Börse haben.
Für öffentliche Haushalte entstehen Kosten für Aufnahme und Integration. Die Regierung versucht einen Teil davon durch die stärkere Einbindung von Gemeinden, Universitäten, gemeinnützigen Organisationen und Unternehmen abzufedern.
Wer ist Shabana Mahmood?
Shabana Mahmood ist eine britische Labour-Politikerin und Innenministerin.
Als Innenministerin ist sie für zentrale Bereiche der britischen Migrations-, Asyl- und Sicherheitspolitik verantwortlich.
Beim Labour-Parteitag in Liverpool stellte sie die Wiedereröffnung des Flüchtlingsprogramms als Verbindung von humanitärer Verantwortung und kontrollierter Migration vor.
Was ist das UK Resettlement Scheme?
Das UK Resettlement Scheme, kurz UKRS, ist ein staatliches Programm zur Aufnahme besonders schutzbedürftiger Flüchtlinge.
Anders als Menschen, die Großbritannien irregulär erreichen und anschließend Asyl beantragen, werden Teilnehmer dieses Programms bereits vor ihrer Einreise ausgewählt und überprüft.
Die Regierung hat das Programm nun wieder für neue Vermittlungen geöffnet.
Welche Rolle spielt das UNHCR?
Das UNHCR ist das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen.
Es unterstützt weltweit Flüchtlinge und andere Vertriebene und arbeitet bei staatlichen Resettlement-Programmen mit Aufnahmeländern zusammen.
Beim neuen britischen Programm sollen UNHCR und IRAP geeignete besonders schutzbedürftige Flüchtlinge über etablierte Verfahren identifizieren und vermitteln.
Was bedeutet Resettlement?
Resettlement bedeutet die organisierte Neuansiedlung besonders schutzbedürftiger Flüchtlinge aus einem Erstaufnahmeland in einen anderen Staat.
Die Menschen müssen dabei nicht auf irregulären Wegen selbst bis zum Zielland gelangen.
Stattdessen werden sie ausgewählt, überprüft und anschließend legal aufgenommen.
OZD-Extra – Universitäten und Unternehmen sollen selbst Flüchtlinge unterstützen
Das britische Konzept geht über ein klassisches staatliches Aufnahmeprogramm hinaus.
Neben dem wieder geöffneten UK Resettlement Scheme plant London drei zusätzliche Wege.
Gemeinden und gemeinnützige Organisationen sollen Flüchtlinge sponsern können. Universitäten sollen einen speziellen Weg für Flüchtlingsstudenten erhalten. Unternehmen sollen später ebenfalls Flüchtlinge im Rahmen eines arbeitsbezogenen Sponsorings unterstützen können.
Die Idee dahinter: Aufnahme und Integration sollen nicht ausschließlich vom Staat und den Kommunen getragen werden.
Sponsoren sollen Unterkunft organisieren, bei der Integration helfen und den Zugang zum Arbeitsmarkt unterstützen.
Für Community- und Studenten-Sponsoring können Bewerbungen bereits ab Oktober beginnen. Erste Flüchtlinge über diese Wege werden im Herbst 2027 erwartet. Unternehmen sollen sich ab Frühjahr 2027 für das Arbeitssponsoring bewerben können.
Damit testet Großbritannien ein Modell, bei dem staatliche Kontrolle und gesellschaftliche Beteiligung miteinander kombiniert werden.
Mögliche Auswirkungen auf Wirtschaft, Börse und Pfund
Direkte Auswirkungen des Aufnahmeprogramms auf den britischen Aktienmarkt oder das Pfund sind angesichts der zunächst begrenzten Teilnehmerzahl nicht zu erwarten.
Wirtschaftlich relevanter könnte langfristig sein, wie erfolgreich Flüchtlinge in Ausbildung und Beschäftigung integriert werden.
Gerade der geplante Weg über Unternehmen zielt ausdrücklich darauf, legale Flüchtlingsaufnahme stärker mit Arbeit und Integration zu verbinden.
Für Rohstoffmärkte sind keine direkten Auswirkungen zu erwarten.
Gewinnspiel
Welche Gruppen sollen rund ein Viertel der Vermittlungen über das wiedereröffnete britische Flüchtlingsprogramm ausmachen?
A: Afghanische Frauen und Mädchen sowie palästinensische Flüchtlinge
B: Ausschließlich ukrainische Familien
C: Nur syrische Studenten
D: Ausschließlich Arbeitsmigranten aus der Europäischen Union
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Alle Angaben ohne Gewähr. Mit KI unterstützt. Titelbild AFP.