Fakten im Überblick
Supermärkte in elf europäischen Ländern sind Ziel von Cyberangriffen auf Kühlanlagen geworden.
Behörden und Politik fordern strengere Sicherheitsmaßnahmen für vernetzte Technik.
Lebensmittel mussten in betroffenen Märkten vorsorglich entsorgt werden.
Eine Welle von Cyberangriffen auf Gefrier- und Kühlanlagen hat Supermärkte in ganz Europa ins Visier von Kriminellen gerückt. In insgesamt elf Ländern, darunter Deutschland, kam es zu Ausfällen von Kühlsystemen, was zahlreiche Sicherheitsbehörden alarmiert hat. Während in Italien die Regierung Krisengespräche mit den Chefs der Nachrichtendienste einberief, zeigte sich auch die EU-Kommission besorgt und forderte entschlossenes Handeln. Bundesdigitalminister Karsten Wildberger forderte mehr Anstrengungen zum Schutz vernetzter Technik und betonte, dass das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik bereits zuvor gewarnt hatte, "dass solche Angriffe auf Betriebstechnik möglich sind". Die Attacken betrafen unter anderem Märkte in Belgien, Finnland, Irland, Portugal, Schweden und Deutschland. Im münsterländischen Raesfeld musste ein Rewe-Markt Lebensmittel aus dem Verkauf nehmen und entsorgen, nachdem die Kühltechnik ausgefallen war. Weitere Fälle sind aus der Westpfalz bekannt, wo zwei Unternehmen "über einen Fernzugriff so manipuliert, dass sie in der Nacht zum Montag vom Kühl- in den Heizbetrieb wechselten", wie die Polizei mitteilte. Die genaue Schadenshöhe ist noch unklar, betroffen waren ein lebensmittelverarbeitender Betrieb und ein Supermarkt. Auch in Wuppertal und Reisbach in Bayern wurden Eingriffe in die Kühlsysteme gemeldet.
Die Bedrohungslage wird international als ernst eingeschätzt, da derartige Angriffe die Versorgungskette gefährden. In Italien erklärte eine Regierungssprecherin, bei einem Krisentreffen solle eine "Bestandsaufnahme der Welle von Cyberangriffen" erfolgen. EU-Agrarkommissar Christophe Hansen warnte vor einem bewussten Versuch, "unsere Lebensmittelkette zu unterbrechen und das Vertrauen der Verbraucher in sie zu untergraben". Die Angreifer sind bislang unbekannt. EU-Kommissionssprecher Thomas Regnier hob hervor, "wie Cyberangriffe grundlegende Dienste stören und den Alltag der Bürger beeinträchtigen können" und betonte, "und natürlich müssen wir gemeinsam widerstandsfähig sein und auf solche Cybervorfälle vorbereitet sein". Die Vorkommnisse seien kein Einzelfall.
Die Experten empfehlen Betreibern von Kühlanlagen, "aus dem Internet erreichbare Steuerungsanlagen nach dem Stand der Technik abzusichern" und "multifaktorgeschützte Zugriffe" einzurichten. Die Systeme sollten zudem auf dem neuesten Stand gehalten sowie Sicherheitsupdates und Fehlerkorrekturen zeitnah eingespielt werden. Christian Müller, Vorstand von Schwarz Digits, der IT-Sparte des Handelskonzerns Schwarz Gruppe, erklärte, im Zeitalter von Künstlicher Intelligenz "werden die Attacken diffiziler, werden schneller und sie werden auch durchschlagender". Dies sei eine Herausforderung, "womit sich jeder beschäftigen muss". Bislang seien Lidl- und Kaufland-Märkte nicht betroffen gewesen. Die jüngsten Angriffe zeigen nach Einschätzung von Bundesdigitalminister Wildberger, dass alle Beteiligten "mehr Vorsorge tragen" müssten – sowohl Unternehmen als auch Behörden.
OZD/AFP
OZD-Kommentar – Schwache Kühlanlagen sind Einladung für Hacker
Die neuen Angriffe auf Kühlanlagen europäischer Supermärkte legen drastisch offen, wie verletzlich selbst grundlegende Alltagsinfrastruktur inzwischen durch Digitalisierung geworden ist. Wenn Lebensmittel vernichtet werden müssen und die Versorgung leidet, ist das nicht mehr abstrakte IT-Bedrohung, sondern greifbare Realität für die Menschen. Diese Angriffe stehen exemplarisch für einen wachsenden Trend: Mit zunehmender Vernetzung entstehen neue Einfallstore für Kriminelle und immer mehr Gesellschaftsbereiche werden angreifbar. Das alarmierende daran ist, dass vielfach einfache Schutzvorkehrungen wie sichere Zugänge oder regelmäßige Updates offenbar vernachlässigt werden. Behörden warnen seit Jahren, doch erst ein spürbarer Angriff führt zu breit angelegten Krisengesprächen. Deutschland und die EU müssen in Sicherheitsstandards investieren und Unternehmen in die Pflicht nehmen. Solange grundlegende Infrastrukturen unzureichend abgesichert sind, bleibt das Risiko für weitere Attacken hoch. Die Zahl solcher Vorfälle dürfte in Zukunft steigen – sofern Politik und Wirtschaft nicht rasch und entschlossen handeln.
Historischer Hintergrund
Cyberangriffe auf industrielle Steuerungssysteme haben sich in den vergangenen Jahren als internationales Problem herauskristallisiert. Besonders im Bereich kritischer Infrastruktur, zu der auch Lebensmittelversorgungsketten zählen, nehmen die Angriffe seit geraumer Zeit zu. Bereits vor drei Wochen wurde ein massiver Angriff auf Supermarkt-Kühlanlagen in Frankreich bekannt, woraufhin viele Behörden ihre Warnungen verschärften. Die aktuelle Angriffswelle betrifft erstmals elf Länder quer durch die Europäische Union, darunter Belgien, Italien, Deutschland und Schweden. In Reaktion darauf fanden in Italien Krisensitzungen auf Regierungsebene statt. Das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik in Deutschland und die EU-Kommission beschäftigen sich schon länger mit dem Schutz solcher vernetzter Technik, um die öffentliche Versorgung abzusichern.
Zukunftsprognose
Sollten Unternehmen und Staaten die Sicherheit von Kühl- und Steuersystemen nicht schnell verbessern, könnten künftige Cyberangriffe nicht nur zu wirtschaftlichen Verlusten führen, sondern letztlich die Versorgung mit Lebensmitteln gefährden. Es ist zu erwarten, dass Angreifer verstärkt auf Automatisierung und Künstliche Intelligenz setzen, um Systeme aus der Ferne zu manipulieren. Politisch könnten daraus strengere EU-weite Vorschriften und engere Zusammenarbeit der Mitgliedstaaten entstehen. Gesellschaftlich wächst das Bewusstsein, dass selbst alltägliche Dienstleistungen wie Kühlung nicht selbstverständlich sicher sind. Als internationales Thema wird Cybersicherheit weiter stark an Bedeutung gewinnen und Unternehmen mit direkter Lieferketten-Verantwortung werden voraussichtlich gezwungen sein, ihre Schutzmaßnahmen zu priorisieren.
Erklärungen
Was ist ein Cyberangriff auf Kühlanlagen?
Ein Cyberangriff auf Kühlanlagen bedeutet, dass Angreifer über das Internet Zugang zu den Steuerungssystemen der Kühltechnik in Supermärkten oder lebensmittelverarbeitenden Betrieben erlangen und diese manipulieren. Solche Attacken können dazu führen, dass die Temperaturregelung gestört wird, Lebensmittel verderben und im schlimmsten Fall entsorgt werden müssen.
Was ist multifaktorgeschützter Zugriff?
Multifaktorgeschützter Zugriff ist eine Sicherheitsmethode, bei der mehrere unabhängige Nachweise wie Passwort und zusätzlicher Code oder Hardware-Token notwendig sind, um sich an Systemen anzumelden. Dies erschwert unbefugte Zugriffe erheblich.
OZD-Extras
Die Technik hinter vielen Kühlanlagen basiert oft noch auf ursprünglich analogen Steuerungen, die für die Fernwartung ins Internet verlegt wurden. Dadurch entstehen neue Risiken für Angriffe.
Für Einzelhandelsunternehmen wie Rewe, Edeka oder die Schwarz Gruppe könnten größere Cyberangriffe erhebliche finanzielle Einbußen und Reputationsschäden bedeuten. Kurzfristige Kurseinflüsse auf börsennotierte Handelsunternehmen sind laut aktuellen Meldungen nicht bekannt, ein schneller Anstieg der IT-Investitionen gilt jedoch als wahrscheinlich.
Gewinnspiel
In wie vielen europäischen Ländern wurden Supermarkt-Kühlanlagen Ziel von Cyberangriffen?
A) drei
B) elf
C) siebzehn
D) neunundzwanzig
Alle Angaben ohne Gewähr. Mit KI unterstützt. Titelbild AFP.