Nach neuen russischen Raketen- und Drohnenangriffen sind in der Ukraine mehr als 600.000 Menschen von der Stromversorgung abgeschnitten. Wie das ukrainische Energieministerium am Samstag mitteilte, seien allein in der Hauptstadt Kiew über 500.000 Kunden ohne Strom. In der umliegenden Region kamen mehr als 100.000 weitere Haushalte hinzu, dazu knapp 8000 in der Region Charkiw. Die Angriffe hatten am Freitagabend begonnen und dauerten die gesamte Nacht an.
Bereits zuvor hatten die Behörden in Kiew gemeldet, dass die nächtlichen Attacken mindestens ein Todesopfer und rund ein Dutzend Verletzte gefordert hätten. Mehrere Wohngebiete wurden demnach getroffen. „Der westliche Teil der Hauptstadt hat keinen Strom“, erklärte Bürgermeister Vitali Klitschko auf Telegram. Einsatzteams arbeiteten kontinuierlich an der Wiederherstellung der Versorgung.
Auch aus Russland wurden Angriffe gemeldet: Ein Drohnenangriff traf ein großes Ölterminal nahe des Hafens Noworossijsk im Süden des Landes. Das Caspian Pipeline Consortium (CPC) sprach von einem „terroristischen Angriff durch unbemannte Boote“, der schwere Schäden verursacht habe. Eine von drei Anlegestellen sei getroffen worden, der Betrieb wurde vorübergehend eingestellt. Öltanker im Gebiet mussten umgeleitet werden. Verletzte gab es laut CPC nicht.
Die Angriffe verschärfen die Lage der Ukraine in einer ohnehin angespannten politischen Phase. Am Freitag war Präsidialamtschef Andrij Jermak wegen Korruptionsverdachts zurückgetreten. Jermak hatte maßgeblich an den Verhandlungen über den neuen US-Plan zur möglichen Beendigung des Krieges mitgewirkt.
Nach Angaben aus Regierungskreisen soll an diesem Wochenende eine ukrainische Delegation zu weiteren Gesprächen in die USA reisen. Anstelle des zurückgetretenen Jermak wird künftig Sicherheitsratschef Rustem Umerow die ukrainischen Positionen vertreten, bestätigten hochrangige Regierungsvertreter.
In den kommenden Tagen wird außerdem US-Verteidigungsstaatssekretär Dan Driscoll in Kiew erwartet, um den US-Vorschlag weiter zu erörtern. Der Sondergesandte von US-Präsident Donald Trump, Steve Witkoff, soll den Plan zudem kommende Woche in Moskau mit Präsident Wladimir Putin besprechen.
ERKLÄRUNGEN
Warum ist die Energieversorgung so verwundbar?
Russische Angriffe zielen systematisch auf kritische Infrastruktur wie Umspannwerke und Energiezentren, um die Versorgung des Landes zu destabilisieren.
Was bedeutet der Angriff auf das Ölterminal für Russland?
Die vorübergehende Unterbrechung des Betriebs kann Exportströme behindern und den Druck auf die eigene Energieinfrastruktur erhöhen.
Welche Bedeutung hat Jermaks Rücktritt?
Er trifft die Ukraine in einem sensiblen Moment der internationalen Verhandlungen und zwingt das Land zu schneller Neuordnung an zentralen Stellen.
KOMMENTAR
Die jüngste Angriffswelle zeigt erneut, wie stark Russland versucht, die Ukraine durch dauerhafte Zerstörung zentraler Versorgungsnetze zu schwächen. Besonders brisant ist, dass die Angriffe genau in einer Phase erfolgen, in der die Ukraine politisch unter Druck steht und wichtige internationale Gespräche vorbereitet. Die kommenden Wochen werden entscheidend dafür sein, ob das Land trotz militärischer und innenpolitischer Belastungen handlungsfähig bleibt.
OZD
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Bild: AFP