Nach der internationalen Einigung über Sicherheitsgarantien für die Ukraine im Fall eines Waffenstillstands rückt in Deutschland die Frage nach dem möglichen Einsatzgebiet der Bundeswehr in den Fokus. Bundeskanzler Friedrich Merz hatte beim Gipfel der sogenannten Koalition der Willigen in Paris eine militärische Beteiligung Deutschlands in Aussicht gestellt – jedoch ausdrücklich nicht auf ukrainischem Boden. Stattdessen sprach er von einem möglichen Einsatz auf benachbartem Nato-Gebiet.
Diese Linie bekräftigte CDU-Generalsekretär Carsten Linnemann. Deutschland sei bereit, zur Absicherung eines Waffenstillstands beizutragen, sagte er, der Fokus liege jedoch klar auf dem Bündnisgebiet. Es gehe um Friedenssicherung, nicht um eine direkte militärische Präsenz in der Ukraine. Merz hatte zugleich betont, dass über Art und Umfang eines möglichen Einsatzes Bundesregierung und Bundestag entscheiden müssten und man „grundsätzlich nichts ausschließe“.
Regierungssprecher Stefan Kornelius machte deutlich, dass mehrere Voraussetzungen erfüllt sein müssten, bevor Deutschland sich an Sicherheitsgarantien beteilige. Dazu zählten eine rechtlich bindende Sicherheitsgarantie der USA sowie ein tragfähiger Waffenstillstand mit russischer Beteiligung. Über konkrete Strukturen einer Unterstützungsmission werde noch intensiv zu beraten sein, der Prozess sei dynamisch und offen.
Kritik kommt vor allem aus der Opposition. Die Die Linke warnte davor, sich ausschließlich auf Nato-Truppen zu verlassen. Fraktionschef Sören Pellmann forderte stattdessen eine UN-Blauhelmmission, die von beiden Konfliktparteien akzeptiert werde. Auch Staaten wie China müssten daran beteiligt sein. Eine rein westliche Mission berge das Risiko einer direkten militärischen Konfrontation mit Russland.
Auch aus den Grünen kam Skepsis. Verteidigungspolitikerin Agnieszka Brugger kritisierte, Merz habe mit seinen Aussagen mehr Fragen als Antworten geliefert. Der Bundestag trage Verantwortung für mögliche Einsätze und müsse frühzeitig umfassend informiert werden.
Ablehnung kam zudem vom Bündnis Sahra Wagenknecht. Parteichef Fabio De Masi erklärte, die Bundeswehr verfüge weder über die nötigen Kapazitäten noch über die Fähigkeiten, einen solchen Einsatz zu tragen. Er bezweifelte zudem, dass Russland einer Stationierung westlicher Truppen zustimmen würde, und forderte stattdessen neue Abrüstungs- und Sicherheitsverträge zwischen den USA und Russland.
Auch die AfD äußerte Zweifel an der militärischen Leistungsfähigkeit Deutschlands. Parlamentsgeschäftsführer Bernd Baumann erklärte, andere Staaten wie Frankreich, Großbritannien oder die USA seien eher in der Lage, glaubwürdige Sicherheitsgarantien zu stellen.
OZD
OZD-Kommentar – Frieden absichern, ohne ihn zu gefährden– Die Debatte zeigt, wie schmal der Grat zwischen Abschreckung und Eskalation ist.
– Ein Einsatz auf Nato-Gebiet senkt Risiken, löst aber nicht alle Sicherheitsfragen.
– Ohne klare internationale Einbindung droht jede Mission politisch zu zerreißen.
Deutschland steht vor einer sicherheitspolitischen Weichenstellung, die über Jahre nachwirken wird.

Mini-Infobox
– Diskussion über Bundeswehr-Einsatz nach Ukraine-Einigung
– Kanzler: Einsatz nur auf Nato-Gebiet denkbar
– Linke fordert UN-Blauhelmmission
– Entscheidung liegt bei Bundestag und Regierung
1. Politische Linie der Bundesregierung
– a) Keine Bundeswehr auf ukrainischem Boden
– b) Absicherung von Nato-Gebiet als Option
– c) Abhängigkeit von US-Sicherheitsgarantien
2. Kritik und Alternativen
– a) Forderung nach UN-Mandat
– b) Warnung vor Eskalation mit Russland
– c) Zweifel an militärischen Kapazitäten
3. Strategische Risiken
– a) Unklarer Waffenstillstand
– b) Fehlende Akzeptanz durch Moskau
– c) Langfristige Belastung der Bundeswehr

Was ist die Bundeswehr?
Die Bundeswehr ist die Streitkraft der Bundesrepublik Deutschland. Auslandseinsätze erfolgen ausschließlich auf Grundlage eines Bundestagsmandats und meist im Rahmen von Bündnissen oder internationalen Missionen.
Was ist die NATO?Die NATO ist ein westliches Militärbündnis, dem 32 Staaten angehören. Sie basiert auf dem Prinzip der kollektiven Verteidigung und spielt eine zentrale Rolle in der europäischen Sicherheitsarchitektur.
Historischer HintergrundSeit dem Ende des Kalten Krieges beteiligt sich Deutschland regelmäßig an internationalen Friedens- und Stabilisierungsmissionen, etwa auf dem Balkan, in Afghanistan oder im Rahmen der UN. Nach Beginn des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine 2022 galt ein direkter Bundeswehreinsatz dort lange als ausgeschlossen. Die aktuelle Debatte markiert eine neue Phase, in der erstmals über eine militärische Rolle Deutschlands zur Absicherung eines Waffenstillstands nachgedacht wird – allerdings mit klaren geografischen und politischen Grenzen.
OZD-ExtrasBemerkenswert: Noch nie seit 1945 wurde in Deutschland so offen über eine militärische Rolle im unmittelbaren Umfeld eines möglichen Friedensabkommens in Europa diskutiert.
Alle Angaben ohne Gewähr. Titelbild AFP.