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FairSquare attackiert Infantino: Reformwille bei der FIFA „offensichtlich nicht ernst gemeint“

Gianni Infantino bietet eine externe Überprüfung der FIFA-Strukturen an. FairSquare hält den Vorstoß für unglaubwürdig – vor der Wahl 2027 wächst der Druck.

Fakten im Überblick

FairSquare-Direktor Nicholas McGeehan bezeichnet Infantinos Reformangebot als „offensichtlich nicht ernst gemeint“.

Infantino hat den 211 FIFA-Mitgliedsverbänden eine mögliche unabhängige externe Überprüfung der Governance vorgeschlagen.

Der FIFA-Präsident hat angekündigt, bei der Präsidentenwahl 2027 erneut anzutreten.

Die Kritik an FIFA-Präsident Gianni Infantino verschärft sich wenige Monate vor der nächsten Präsidentenwahl. Die Menschenrechts- und Sport-Governance-Organisation FairSquare hält die von dem Schweizer angekündigte Bereitschaft zu Reformen für wenig glaubwürdig. Infantinos Angebot, eine unabhängige externe Überprüfung der Führungsstrukturen und möglicher Änderungen an den Entscheidungsprozessen des Weltfußballverbandes anzustoßen, sei „offensichtlich nicht ernst gemeint“, sagte FairSquare-Direktor Nicholas McGeehan dem SID. Infantino hatte zuvor in einem Schreiben an die 211 Mitgliedsverbände eine externe Überprüfung der FIFA-Governance und einen strukturierten Reformdialog vorgeschlagen.

McGeehan fordert wesentlich weitergehende Konsequenzen. „Jeder sinnvolle Reformprozess würde eine feste Verpflichtung zu Regeln und Rechenschaftspflicht beinhalten, und wenn die FIFA ihre eigenen Regeln einhalten würde, würde Infantino sofort seines Amtes enthoben werden“, sagte er. Dabei handelt es sich um die Position von FairSquare, nicht um eine Feststellung eines FIFA-Gremiums. Die Organisation hat selbst eine Beschwerde gegen Infantino bei der FIFA-Ethikkommission eingereicht. FairSquare wirft ihm unter anderem Verstöße gegen FIFA-Regeln im Zusammenhang mit seinem Verhältnis zu US-Präsident Donald Trump vor. Die Organisation startete bereits vor der WM 2026 ihre Kampagne „Reboot FIFA“, mit der sie strukturelle Veränderungen beim Weltverband fordert.

Infantino hatte am Montag auf die wachsende Kritik reagiert und den Mitgliedsverbänden zwei Schritte vorgeschlagen. Zunächst soll der FIFA-Rat darüber entscheiden, ob eine unabhängige externe Stelle den bestehenden Governance-Rahmen für große strategische Projekte untersuchen und Verbesserungen empfehlen soll. Anschließend will Infantino eine zeitlich begrenzte und strukturierte Konsultation mit Konföderationen, nationalen Verbänden und weiteren Beteiligten über die Entscheidungsstrukturen der FIFA anstoßen. Dabei sollen unter anderem die Rollen von Präsident, Büro, FIFA-Rat und Kongress sowie Transparenz, Beteiligung und Rechenschaftspflicht diskutiert werden.

Auslöser der aktuellen Führungskrise war insbesondere der inzwischen aufgegebene Plan, einen Anteil von 20 Prozent an kommerziellen FIFA-Rechten für privates Kapital zu öffnen. Das sogenannte FIFA-Forward-Enterprise-Modell stieß bei mehreren Verbänden und Konföderationen auf erheblichen Widerstand und wurde im Sommer aufgegeben. Zuletzt forderten UEFA-Präsident Aleksander Ceferin und Concacaf-Chef Victor Montagliani stattdessen eine unabhängige Prüfung der FIFA-Finanzreserven. Außerdem schlugen sie vor, jedem der 211 Mitgliedsverbände mindestens zehn Millionen Dollar aus den Reserven für Fußballentwicklung und Infrastruktur bereitzustellen.

McGeehan interpretiert die Reformdebatte zugleich als Teil eines institutionellen Machtkampfes zwischen FIFA und UEFA. „Reformen“ seien dabei „lediglich ein Mittel, das beide Seiten zum Angriff oder zur Verteidigung einsetzen“, sagte er. Auch UEFA-Präsident Ceferin nimmt FairSquare ausdrücklich nicht von der Kritik aus. Es sei wichtig zu beachten, dass Ceferin „wahrscheinlich genauso wenig an ernsthaften Reformen interessiert ist wie Gianni Infantino“. Auch diese Einschätzung ist eine Bewertung McGeehans und keine unabhängig festgestellte Tatsache.

Dass Infantinos Vorschläge die Kritik bislang nicht beendet haben, zeigt die Reaktion mehrerer nationaler Verbände. Nach einem Reuters-Bericht äußerten unter anderem Vertreter aus Deutschland, den Niederlanden, Schweden und Wales Vorbehalte. DFB-Präsident Bernd Neuendorf wertete den Vorstoß als mit der anstehenden Wiederwahl verbunden, während andere Verbände zwar einzelne Reformvorschläge begrüßten, zugleich aber weitergehende Änderungen verlangten.

Infantino führt die FIFA seit 2016 und hat angekündigt, bei der Wahl 2027 erneut für das Präsidentenamt zu kandidieren. Die FIFA bestätigte diese Absicht bereits beim Kongress in Vancouver. Ob und in welcher Form die angekündigte externe Überprüfung tatsächlich umgesetzt wird, dürfte deshalb zu einer zentralen Frage der kommenden Monate werden. Die nächste wichtige Etappe ist die Befassung der FIFA-Gremien mit den Reformvorschlägen; der FIFA-Rat kommt am 15. Oktober zusammen.

OZD/SID

OZD-Kommentar – Die entscheidende Frage ist nicht das Versprechen, sondern der Mechanismus

Die aktuelle Auseinandersetzung um die FIFA lässt sich nicht allein anhand der Aussagen von Infantino oder seinen Kritikern beurteilen. FairSquare hält den Reformvorstoß für unglaubwürdig, während Infantino ausdrücklich eine unabhängige externe Überprüfung und einen strukturierten Dialog über Entscheidungsprozesse vorgeschlagen hat.

Entscheidend wird deshalb sein, wie ein solcher Prozess konkret ausgestaltet wird. Dazu gehören Fragen nach der Auswahl einer unabhängigen Prüfinstanz, ihrem Zugang zu Unterlagen, der Veröffentlichung ihrer Ergebnisse und der Verbindlichkeit möglicher Empfehlungen. Erst daran lässt sich messen, welche institutionellen Folgen das Reformangebot tatsächlich hat.

Ebenso wichtig ist die Trennung zwischen Governance-Fragen und dem Machtkampf verschiedener Fußballinstitutionen. UEFA und Concacaf haben eigene Vorschläge zur Verwendung der FIFA-Reserven und zu einer unabhängigen Finanzprüfung vorgelegt. FairSquare wiederum kritisiert ausdrücklich sowohl Infantino als auch Ceferin.

Bis zur FIFA-Präsidentenwahl 2027 dürfte die Governance-Debatte deshalb anhalten. Welche personellen Konsequenzen daraus entstehen, lässt sich derzeit nicht belastbar vorhersagen.

Historischer Hintergrund

Die FIFA geriet 2015 in ihre schwerste institutionelle Krise der jüngeren Geschichte. Ermittlungen amerikanischer und schweizerischer Behörden gegen zahlreiche Funktionäre erschütterten den Weltverband. Im Februar 2016 wurde Gianni Infantino als Nachfolger von Joseph Blatter zum FIFA-Präsidenten gewählt.

In der Folge wurden Governance-Strukturen verändert und Kontrollmechanismen ausgebaut. Kritiker werfen der FIFA unter Infantino allerdings vor, Teile des damaligen Reformansatzes wieder geschwächt zu haben. Befürworter der heutigen Führung verweisen dagegen auf wirtschaftliches Wachstum, Entwicklungsprogramme und die globale Ausweitung des Fußballs.

Der aktuelle Konflikt erhielt 2026 durch das FIFA-Forward-Enterprise-Projekt neue Dynamik. Der Plan sah privates Kapital für kommerzielle Rechte vor, wurde nach Widerstand aber aufgegeben. UEFA und Concacaf argumentieren inzwischen, die FIFA könne ihre Mitgliedsverbände stattdessen direkt aus ihren hohen Finanzreserven stärker unterstützen.

Zukunftsprognose

In den kommenden Wochen wird entscheidend sein, ob der FIFA-Rat tatsächlich eine unabhängige externe Governance-Prüfung in Auftrag gibt und wie deren Mandat definiert wird. Eine Überprüfung mit umfassendem Zugang zu Entscheidungsunterlagen und veröffentlichten Ergebnissen hätte eine andere institutionelle Bedeutung als eine unverbindliche Beratung.

Parallel dürfte der Konflikt um die FIFA-Finanzen weitergehen. UEFA und Concacaf wollen mindestens zehn Millionen Dollar für jeden der 211 Mitgliedsverbände aus den Reserven bereitstellen und verlangen eine unabhängige Analyse der Finanzlage.

Wirtschaftlich betrifft der Konflikt vor allem die Vermarktungs- und Finanzierungsstrukturen des Weltfußballs. Die FIFA verfügt über milliardenschwere Einnahmen aus Medien-, Sponsoring- und Vermarktungsrechten. Veränderungen bei der Governance können deshalb auch Auswirkungen darauf haben, wer über große Investitionen und Ausschüttungen entscheidet.

Für klassische Aktien-, Rohstoff- und Devisenmärkte sind keine unmittelbaren Auswirkungen zu erwarten. Relevant ist der Konflikt vor allem für Sponsoren, Medienpartner, Investoren und nationale Fußballverbände.

Wer ist Gianni Infantino?

Gianni Infantino ist ein Schweizer Fußballfunktionär und seit Februar 2016 Präsident des Weltfußballverbandes FIFA. Zuvor arbeitete er viele Jahre bei der UEFA, zuletzt als Generalsekretär. Er hat offiziell angekündigt, 2027 erneut für das FIFA-Präsidentenamt zu kandidieren.

Was ist FairSquare?

FairSquare ist eine Organisation, die sich mit Menschenrechten, Arbeitsrechten und Governance-Fragen beschäftigt. Im Fußball fordert sie tiefgreifende Reformen der FIFA. Im Jahr 2026 startete sie die Kampagne „Reboot FIFA“ und reichte eine aktualisierte Ethikbeschwerde gegen Infantino ein.

Worum geht es bei der Ethikbeschwerde gegen Infantino?

FairSquare wirft dem FIFA-Präsidenten wiederholte Verstöße gegen Verbandsregeln vor und thematisiert dabei insbesondere dessen Verhältnis zu US-Präsident Donald Trump. Das sind Vorwürfe der Organisation. Über ihre Berechtigung müssen die zuständigen FIFA-Gremien entscheiden.

Was war FIFA Forward Enterprise?

FIFA Forward Enterprise war ein Finanzierungs- und Vermarktungsmodell, bei dem privates Kapital an kommerziellen FIFA-Rechten beteiligt werden sollte. Der Plan stieß auf Widerstand und wurde 2026 aufgegeben. Die Kontroverse darüber ist ein wesentlicher Hintergrund der aktuellen Forderungen nach mehr Kontrolle und Transparenz.

OZD-Extra – Milliardenreserven werden zum nächsten Streitpunkt

Der Governance-Konflikt hat längst eine finanzielle Dimension. UEFA-Präsident Aleksander Ceferin und Concacaf-Chef Victor Montagliani haben vorgeschlagen, mindestens zehn Millionen Dollar an jeden der 211 FIFA-Mitgliedsverbände auszuschütten. Das entspräche insgesamt rund 2,1 Milliarden Dollar. Zusätzlich verlangen sie eine unabhängige Überprüfung der FIFA-Finanzlage.

Ihr Argument: Entwicklungsprojekte könnten aus vorhandenen FIFA-Mitteln finanziert werden, ohne Beteiligungen an kommerziellen Rechten zu verkaufen. Die Auseinandersetzung dreht sich damit nicht nur um Infantino persönlich, sondern um eine grundsätzliche Governance-Frage: Wer entscheidet im Weltfußball über Milliardenbeträge – und durch welche Kontrollmechanismen werden diese Entscheidungen abgesichert?

Gewinnspiel

Seit welchem Jahr ist Gianni Infantino Präsident der FIFA?

A: 2010
B: 2014
C: 2016
D: 2020

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Alle Angaben ohne Gewähr. Mit KI unterstützt. Titelbild AFP.