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„Antisemitismus ist Sünde“: Bischof Wilmer warnt nach Wahlerfolgen von AfD und Linken

Bischof Heiner Wilmer warnt vor wachsendem Antisemitismus und Populismus. In Fulda kritisiert er Positionen von AfD und Linken – fordert aber zugleich Dialog.

Fakten im Überblick

Heiner Wilmer bezeichnete Antisemitismus zum Auftakt der Herbstvollversammlung der Deutschen Bischofskonferenz in Fulda als „Sünde“.

Der Vorsitzende der Bischofskonferenz bekräftigte die kirchliche Kritik am völkischen Nationalismus und forderte zugleich mehr Dialog mit AfD-Wählern.

Auch Forderungen aus der Berliner Linken zur Polizei kritisierte Wilmer; die Partei steht zugleich wegen Antisemitismusvorwürfen in einer politischen Debatte.

Mit ungewöhnlich deutlichen Worten hat der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Heiner Wilmer, nach den jüngsten Landtagswahlen vor Antisemitismus und zunehmender politischer Polarisierung in Deutschland gewarnt. Zum Auftakt der Herbstvollversammlung der katholischen Bischöfe im hessischen Fulda erklärte der Bischof von Münster am Montag: „Antisemitismus ist Sünde“. Die katholische Kirche stehe an der Seite der jüdischen Bürgerinnen und Bürger in Deutschland. „Antisemitismus untergräbt unsere Demokratie“, warnte Wilmer. Seine Aussagen fielen in eine innenpolitisch angespannte Phase nach den Wahlen in Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern und Berlin.

Wilmer bezeichnete die jüngsten Wahlergebnisse als deutlichen „Warnhinweis“. Populistische Kräfte hätten an Unterstützung gewonnen. Gleichzeitig wandte er sich gegen eine aus seiner Sicht zu negative Darstellung der gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Situation. „Unser Land ist besser, als es geredet wird“, sagte der Vorsitzende der Bischofskonferenz.

Besondere Aufmerksamkeit richtet sich derzeit auf Berlin. Dort gewann Die Linke bei der Wahl zum Abgeordnetenhaus am 20. September mit 25,7 Prozent die meisten Stimmen und strebt Gespräche mit Grünen und SPD über eine mögliche Regierungsbildung an. In diesem Zusammenhang wird innerhalb der Berliner Politik intensiv über den Umgang mit Antisemitismus diskutiert. SPD und Grüne wollen Fragen zum Schutz jüdischen Lebens, zu Antisemitismus, organisierter Kriminalität und gesellschaftlichem Zusammenhalt bereits vor möglichen formellen Sondierungen klären. Die Linke betont ihrerseits ihr Bekenntnis zum Schutz jüdischen Lebens und zum Existenzrecht Israels.

Wilmer kritisierte außerdem sicherheitspolitische Vorstellungen aus der Berliner Linken. „Es kann nicht sein, dass wir von einer Reduktion der Polizeikräfte sprechen“, sagte der Bischof. Auch die Deutsche Polizeigewerkschaft Berlin hatte nach dem Wahlsieg der Linken vor einer Schwächung der Polizei gewarnt und sich gegen weniger finanzielle Mittel, geringere Befugnisse und den Abbau bestehender Instrumente ausgesprochen.

Gleichzeitig bekräftigte Wilmer die kritische Position der katholischen Kirche gegenüber der AfD. „Völkischer Nationalismus und Christentum sind unvereinbar“, sagte er. Diese Position hatte die Deutsche Bischofskonferenz bereits zuvor vertreten. Wilmer hatte erst wenige Wochen zuvor erklärt, die AfD sei aus seiner Sicht „nationalistisch und völkisch eingestellt“.

Der Bischof verband diese Abgrenzung jedoch ausdrücklich mit einem Appell zum Gespräch. Menschen, die AfD wählen, müssten angehört werden. Es brauche Formate, in denen Sorgen ausgesprochen und ernst genommen werden könnten. „Wir brauchen hier Raum und Zeit zum Austausch“, sagte Wilmer. Auch der Deutschlandfunk berichtete, Wilmer habe zum Auftakt der Vollversammlung ausdrücklich dafür geworben, auf AfD-Wähler zuzugehen und ihnen zuzuhören.

Die Aussagen zeigen den politischen Spagat, den die katholische Kirche in Deutschland derzeit versucht: Sie will bestimmte ideologische Positionen klar zurückweisen und zugleich den Kontakt zu Menschen nicht verlieren, die Parteien an den politischen Rändern unterstützen.

Für die Deutsche Bischofskonferenz erhält diese Frage nach den jüngsten Wahlergebnissen zusätzliche Bedeutung. Bei der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt hatte die AfD stark abgeschnitten. In Berlin wurde wiederum Die Linke stärkste Kraft. Die Ergebnisse haben eine bundesweite Diskussion darüber ausgelöst, wie etablierte Institutionen und Parteien mit politischen Kräften umgehen sollen, denen Kritiker extremistische, antisemitische oder demokratiegefährdende Positionen vorwerfen. Die betroffenen Parteien weisen solche pauschalen Zuschreibungen beziehungsweise einzelne Vorwürfe zurück.

Die Herbstvollversammlung in Fulda beschäftigt sich allerdings nicht ausschließlich mit Politik. 59 Mitglieder der Deutschen Bischofskonferenz beraten vom 28. September bis zum 1. Oktober über kirchliche und gesellschaftliche Fragen. Im Mittelpunkt steht unter anderem ein Studientag zur Enzyklika „Magnifica humanitas“ von Papst Leo XIV. und zu den Konsequenzen neuer Technologien und Künstlicher Intelligenz für Menschsein und Gemeinwohl.

Auch die Strukturen der Bischofskonferenz selbst werden verändert. Die bislang 14 bischöflichen Kommissionen wurden auf acht reduziert. In Fulda sollen deren Vorsitzende und Mitglieder neu gewählt werden. Darüber hinaus stehen die Aufarbeitung sexuellen Missbrauchs, Synodalität, Erwachsenentaufen in Europa sowie Flucht und Migration auf der Tagesordnung.

Erstmals nimmt auch der neue Apostolische Nuntius in Deutschland, Erzbischof Hubertus van Megen, an der Eröffnungssitzung der Vollversammlung teil.

Doch bereits zum Auftakt machte Wilmer deutlich, dass die katholischen Bischöfe die gesellschaftspolitische Entwicklung Deutschlands nicht aus ihren Beratungen heraushalten wollen.

Seine Botschaft verbindet dabei drei Positionen: Antisemitismus müsse entschieden zurückgewiesen werden, völkischer Nationalismus sei mit dem christlichen Menschenbild nicht vereinbar – und trotzdem dürfe der gesellschaftliche Dialog mit Menschen unterschiedlicher politischer Überzeugungen nicht abbrechen.

OZD/AFP

OZD-Kommentar – Zwischen klarer Abgrenzung und offenem Dialog

Heiner Wilmers Aussagen zeigen, wie stark gesellschaftliche Polarisierung inzwischen auch Kirchen und andere zivilgesellschaftliche Institutionen beschäftigt.

Seine Aussage „Antisemitismus ist Sünde“ ist zunächst eine theologische Bewertung. Zugleich verbindet Wilmer sie ausdrücklich mit einer demokratiepolitischen Warnung. Für ihn gefährdet Antisemitismus nicht nur jüdische Menschen, sondern auch das demokratische Zusammenleben.

Bei der AfD knüpft Wilmer an die seit längerem kritische Haltung der katholischen Bischöfe gegenüber völkisch-nationalistischen Positionen an. Gleichzeitig fordert er, Menschen zuzuhören, die die Partei wählen.

Auch seine Kritik an der Linken sollte präzise eingeordnet werden. Antisemitismusvorwürfe gegen Teile der Berliner Partei sind derzeit Gegenstand einer politischen Auseinandersetzung. SPD und Grüne verlangen vor möglichen Koalitionsgesprächen klare Verständigungen über den Kampf gegen Antisemitismus und den Schutz jüdischen Lebens. Die Linke betont ihrerseits, für den Schutz jüdischen Lebens einzutreten.

Gerade diese Differenzierung ist wichtig. Demokratische Debatten leben davon, konkrete Aussagen und Handlungen zu bewerten, statt Millionen Wählerinnen und Wähler pauschal einzuordnen.

Die weitere Entwicklung wird wesentlich davon abhängen, ob politische Parteien und gesellschaftliche Institutionen Wege finden, Antisemitismus und Extremismus konsequent zu bekämpfen und zugleich Gesprächsräume für kontroverse demokratische Positionen offenzuhalten.

Historischer Hintergrund

Das Verhältnis der katholischen Kirche in Deutschland zum Judentum ist untrennbar mit der deutschen Geschichte und insbesondere mit der nationalsozialistischen Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden verbunden.

Nach dem Zweiten Weltkrieg setzte innerhalb der katholischen Kirche ein grundlegender theologischer Wandel ein. Von besonderer Bedeutung war die Erklärung „Nostra aetate“ des Zweiten Vatikanischen Konzils von 1965. Sie verwarf pauschale Schuldzuweisungen gegenüber Juden und bildete eine wichtige Grundlage für den modernen katholisch-jüdischen Dialog.

In Deutschland entwickelte sich daraus eine besondere Verantwortung der Kirchen, Antisemitismus entgegenzutreten und jüdisches Leben zu schützen.

Auch die Auseinandersetzung der katholischen Kirche mit völkischem Nationalismus hat historische Wurzeln. Die Deutsche Bischofskonferenz hat ihre Kritik an entsprechenden politischen Vorstellungen in den vergangenen Jahren mehrfach öffentlich formuliert.

Vor diesem Hintergrund steht Wilmers Satz „Antisemitismus ist Sünde“ sowohl in einer theologischen als auch in einer historischen Tradition.

Zukunftsprognose

Politisch dürfte die Diskussion über Antisemitismus in Deutschland zunächst besonders stark auf Berlin gerichtet bleiben. Nach dem Wahlsieg der Linken stehen Gespräche mit SPD und Grünen über eine mögliche Regierungsbildung an. Beide potenziellen Partner haben deutlich gemacht, dass der Umgang mit Antisemitismus und der Schutz jüdischen Lebens dabei eine wichtige Rolle spielen sollen.

Die katholische Kirche dürfte gleichzeitig ihre kritische Haltung gegenüber völkisch-nationalistischen Positionen fortsetzen. Wilmers Forderung nach Dialog mit AfD-Wählern deutet darauf hin, dass die Bischofskonferenz stärker zwischen der Bewertung einer Partei beziehungsweise bestimmter Positionen und dem Gespräch mit deren Wählerschaft unterscheiden will.

Gesellschaftlich bleibt die Frage zentral, wie Deutschland Antisemitismus aus unterschiedlichen politischen und weltanschaulichen Milieus bekämpfen kann, ohne kontroverse demokratische Debatten unnötig zu verengen.

Direkte Auswirkungen der kirchlichen Aussagen auf Börsen, Aktien, Rohstoffe oder Währungen sind nicht zu erwarten. Wirtschaftliche Folgen könnten allenfalls indirekt entstehen, wenn politische Unsicherheit die Regierungsbildung oder politische Entscheidungen in einzelnen Bundesländern beeinflusst. Konkrete Marktbewegungen lassen sich aus Wilmers Aussagen nicht seriös ableiten.

Wer ist Heiner Wilmer?

Heiner Wilmer ist ein deutscher katholischer Geistlicher und Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz.

Er ist Bischof von Münster und leitet seit 2026 die Bischofskonferenz.

Als deren Vorsitzender vertritt er die deutschen katholischen Bischöfe in zahlreichen gesellschaftlichen und politischen Debatten.

Was ist die Deutsche Bischofskonferenz?

Die Deutsche Bischofskonferenz ist der Zusammenschluss der katholischen Bischöfe der deutschen Diözesen.

Die Bischöfe beraten dort gemeinsame kirchliche, gesellschaftliche und politische Fragen.

Die Herbstvollversammlung 2026 findet vom 28. September bis zum 1. Oktober in Fulda statt. 59 Mitglieder nehmen daran teil.

Warum tagt die Bischofskonferenz in Fulda?

Fulda besitzt für den deutschen Katholizismus eine besondere historische Bedeutung.

Die Stadt in Hessen ist eng mit dem heiligen Bonifatius verbunden, dessen Grab sich im Fuldaer Dom befindet. Die deutschen Bischöfe treffen sich traditionell zu ihrer Herbstvollversammlung in Fulda.

Dadurch gehört die Stadt regelmäßig zu den wichtigsten Schauplätzen kirchenpolitischer Debatten in Deutschland.

Was bedeutet „völkischer Nationalismus“?

Völkischer Nationalismus bezeichnet politische Vorstellungen, bei denen die Zugehörigkeit zur Nation stark oder ausschließlich über ethnische Abstammung und eine vermeintlich homogene Volksgemeinschaft definiert wird.

Der Begriff besitzt in Deutschland aufgrund der Geschichte des Nationalsozialismus eine besondere historische Belastung.

Wenn Wilmer sagt, „Völkischer Nationalismus und Christentum sind unvereinbar“, formuliert er damit eine kirchliche beziehungsweise theologische Bewertung.

OZD-Extra – Die Bischöfe wollen nicht nur über Politik sprechen

Die politischen Aussagen Wilmers sorgten zum Auftakt für Aufmerksamkeit, doch die Tagesordnung in Fulda reicht wesentlich weiter.

Ein Schwerpunkt ist die Enzyklika „Magnifica humanitas“ von Papst Leo XIV. Die Bischöfe wollen insbesondere diskutieren, welche Konsequenzen sich daraus für Künstliche Intelligenz, das Menschenbild und das Gemeinwohl ergeben.

Daneben geht es um die Aufarbeitung sexuellen Missbrauchs, Migration, Synodalität und die Entwicklung der Erwachsenentaufen in Europa. Auch die Social-Media-Arbeit der Bischofskonferenz steht auf dem Programm.

Gleichzeitig organisiert sich die Bischofskonferenz neu: Aus 14 bischöflichen Kommissionen werden acht. Während der Vollversammlung sollen die neuen Vorsitzenden und Mitglieder bestimmt werden.

Damit wird Fulda für vier Tage nicht nur zum Zentrum kirchlicher Debatten.

Die Bischöfe beraten dort zugleich über eine Frage, die weit über die katholische Kirche hinausreicht: Wie können gesellschaftliche Institutionen in einer zunehmend polarisierten politischen Landschaft klare Grenzen ziehen, ohne den Dialog abbrechen zu lassen?

Gewinnspiel

In welcher deutschen Stadt findet die Herbstvollversammlung der Deutschen Bischofskonferenz traditionell statt?

A: Münster

B: Fulda

C: Berlin

D: Köln

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Alle Angaben ohne Gewähr. Mit KI unterstützt. Titelbild AFP.