Die Hoffnungen auf einen diplomatischen Durchbruch haben sich vorerst zerschlagen. Die erneuten direkten Verhandlungen zwischen der Ukraine und Russland in Genf sind ohne Einigung in den zentralen Streitfragen zu Ende gegangen. Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj räumte am Mittwoch ein, dass die Positionen weiterhin auseinandergehen. Die Gespräche seien „nicht einfach“ gewesen.
Der russische Verhandlungsführer Wladimir Medinski sprach von „schwierigen, aber sachlichen“ Gesprächen und kündigte neue Verhandlungen „in naher Zukunft“ an. Konkrete Ergebnisse blieben jedoch aus. Die zweitägigen Gespräche unter Vermittlung der USA endeten bereits nach rund zwei Stunden am Mittwochvormittag.
Selenskyj erklärte, es habe Fortschritte bei technischen Fragen gegeben. Ein Mechanismus zur Überwachung eines möglichen Waffenstillstands unter Beteiligung der USA sei in weiten Teilen abgestimmt worden. Doch in der Kernfrage – der Zukunft der von Russland beanspruchten Gebiete im Osten der Ukraine – gebe es weiterhin keine Annäherung.
Moskau fordert als Voraussetzung für ein Ende der Kämpfe die vollständige Abtretung der Industrieregion Donbass – auch von Gebieten, die bislang nicht vollständig unter russischer Kontrolle stehen. Kiew lehnt dies strikt ab. Ebenso ungeklärt bleibt der Status des von russischen Truppen besetzten Atomkraftwerks Saporischschja, das Selenskyj als „sensible Frage“ bezeichnete.
Der ukrainische Chefunterhändler Rustem Umerow sprach dennoch von „intensiven und substanziellen“ Gesprächen. Details könnten noch nicht veröffentlicht werden. Ziel bleibe ein „gerechter und nachhaltiger Frieden“.
Die USA wurden durch Sondergesandten Steve Witkoff sowie Jared Kushner vertreten. Nach dem ersten Verhandlungstag hatte Witkoff noch von „bedeutenden Fortschritten“ gesprochen. Auch europäische Sicherheitsberater, darunter Vertreter Deutschlands, waren in Genf vor Ort.
Während in der Schweiz verhandelt wurde, setzte Russland seine Angriffe fort. In der Nacht zwischen den Gesprächstagen feuerte Moskau nach ukrainischen Angaben 126 Drohnen und eine ballistische Rakete ab. Bereits am Dienstag waren 29 Raketen und 396 Drohnen eingesetzt worden. Ziel waren erneut Energieanlagen und kritische Infrastruktur.
Nach Daten des US-Instituts for the Study of War kontrolliert Russland inzwischen rund 19,5 Prozent des ukrainischen Staatsgebiets – ein leichter Anstieg gegenüber dem Vorjahr.
OZD

OZD-Kommentar – Frieden mit Bedingungen ist kein Frieden
Genf zeigt: Diplomatie allein beendet diesen Krieg nicht. Solange Russland Maximalforderungen stellt und militärisch weiter Fakten schafft, bleibt jede Gesprächsrunde ein taktisches Manöver. Fortschritte bei Überwachungsmechanismen sind wichtig – aber sie ersetzen keine politische Lösung. Wer Gebietsabtretungen zur Vorbedingung macht, verhandelt nicht über Frieden, sondern über Kapitulation. Ein echter Durchbruch wird erst möglich sein, wenn militärischer Druck und diplomatische Initiative in ein neues Gleichgewicht kommen. Kurzfristig ist das nicht in Sicht.
Historischer Hintergrund
Seit dem 24. Februar 2022 führt Russland einen großangelegten Angriffskrieg gegen die Ukraine. Zuvor hatte Moskau bereits 2014 die Krim annektiert und Teile des Donbass unter seine Kontrolle gebracht.
Zukunftsprognose
Neue Gespräche sind angekündigt, doch ohne grundlegende Positionsveränderungen droht eine Fortsetzung der militärischen Eskalation. Ein Waffenstillstand könnte allenfalls schrittweise über technische Vereinbarungen entstehen – ein umfassender Friedensvertrag bleibt fern.
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Mini-Infobox – Genfer Verhandlungen
Zweitägige Gespräche unter US-Vermittlung
Einigung bei Waffenstillstands-Überwachung nahezu erreicht
Keine Annäherung bei Gebietsfragen
Status des AKW Saporischschja ungeklärt
Neue Verhandlungsrunde angekündigt
OZD-Analyse
Militärische Realität
– a) Fortgesetzte Drohnen- und Raketenangriffe
– b) Leichter territorialer Zugewinn Russlands
– c) Energieinfrastruktur weiter im Fokus
Diplomatische Dynamik
– a) US-Vermittlung als Schlüsselrolle
– b) Technische Fortschritte ohne politische Lösung
– c) Angekündigte Folgerunden ohne Zeitplan
Strategische Zielkonflikte
– a) Russische Forderung nach Donbass-Abtretung
– b) Ukrainisches Festhalten an territorialer Integrität
– c) Atomkraftwerk Saporischschja als neuralgischer Punkt
Wer ist Wolodymyr Selenskyj?
Wolodymyr Selenskyj ist seit 2019 Präsident der Ukraine. Der frühere Schauspieler wurde während des russischen Angriffskrieges zur zentralen politischen Figur des ukrainischen Widerstands und repräsentiert sein Land international.
OZD-Extras
Parallel zu den Verhandlungen setzte Russland massive Luftangriffe fort – ein deutliches Signal, dass Diplomatie und militärischer Druck weiterhin Hand in Hand laufen.
Alle Angaben ohne Gewähr. Titelbild AFP.
