Fakten im Überblick
UEFA und CONCACAF fordern mindestens zehn Millionen Dollar zusätzlich für jeden der 211 FIFA-Mitgliedsverbände.
Insgesamt würde die einmalige Ausschüttung aus den FIFA-Reserven rund 2,1 Milliarden Dollar kosten.
Gianni Infantino will sich beim FIFA-Kongress am 18. März 2027 in Rabat erneut zum Präsidenten wählen lassen.
Im Machtkampf an der Spitze des Weltfußballs wächst der Druck auf FIFA-Präsident Gianni Infantino. Die Europäische Fußball-Union UEFA und der für Nord- und Mittelamerika sowie die Karibik zuständige Verband CONCACAF verlangen, dass die FIFA einen erheblichen Teil ihrer Milliardenreserven an ihre 211 Mitgliedsverbände ausschüttet. UEFA-Präsident Aleksander Ceferin und CONCACAF-Chef Victor Montagliani fordern in einem gemeinsamen Schreiben an Infantino, jedem nationalen Verband im Finanzzyklus 2027 bis 2030 mindestens zehn Millionen Dollar zusätzlich zur Verfügung zu stellen. Insgesamt geht es damit um rund 2,1 Milliarden Dollar. Das Geld soll nach dem Willen der beiden FIFA-Vizepräsidenten vor allem in Infrastruktur und die Entwicklung des Fußballs fließen und zusätzlich zu den bereits zugesagten Mitteln aus dem FIFA-Forward-Programm gezahlt werden. Nach Berechnungen von UEFA und CONCACAF dürfte der Weltverband den Finanzzyklus 2023 bis 2026 nach der Weltmeisterschaft in den USA, Kanada und Mexiko mit Reserven von rund sechs Milliarden Dollar abschließen – nach Angaben der Initiatoren der höchste Stand in der Geschichte der FIFA. Ceferin und Montagliani verlangen zugleich eine unabhängige Überprüfung der Finanzlage, bevor über die endgültige Höhe einer Ausschüttung entschieden wird.
Die Forderung ist weit mehr als eine Debatte über die Verteilung von Geld. Sie trifft Infantino mitten in einem eskalierenden Machtkampf um die Führung der FIFA. Der Präsident war zuvor mit dem Projekt FIFA Forward Enterprise gescheitert, über das privates Kapital in kommerzielle Rechte des Weltverbandes einbezogen werden sollte. Gegen das Vorhaben formierte sich erheblicher Widerstand. Anfang August begrüßte auch DFB-Präsident Bernd Neuendorf das Ende der Investorenpläne und erklärte, der Versuch, FIFA-Wettbewerbe für private Investoren zu öffnen, sei „krachend gescheitert“. Die Vorgänge müssten vollständig aufgeklärt werden, forderte Neuendorf. Ceferin und Montagliani setzen mit ihrer Milliardenforderung genau an diesem Punkt an: Ihrer Argumentation zufolge benötigt die FIFA keine externen Investoren, um ihren Mitgliedern deutlich mehr Geld zur Verfügung zu stellen. Die bestehenden Reserven seien groß genug, um zusätzliche Milliarden auszuschütten, ohne die finanzielle Stabilität des Weltverbandes zu gefährden. Nach ihrer Berechnung würden die Reserven auch bei der vorgeschlagenen zusätzlichen Ausschüttung während des kommenden Finanzzyklus nicht unter etwa 1,5 Milliarden Dollar fallen.
Damit bekommt der Konflikt eine enorme politische Dimension, denn letztlich entscheiden die 211 Mitgliedsverbände über die Führung der FIFA. Infantino will beim FIFA-Kongress am 18. März 2027 in Rabat in Marokko erneut antreten. UEFA und CONCACAF gehören inzwischen zu den entscheidenden Zentren des Widerstands gegen seinen Kurs. Montagliani wird zugleich als möglicher Herausforderer Infantinos genannt, eine Kandidatur ist derzeit jedoch nicht bestätigt. Die Frist für die Nominierung von Kandidaten läuft am 18. November ab. Nach Medienberichten prüft die UEFA zudem rechtliche Schritte in der Schweiz im Zusammenhang mit den gescheiterten Investorenplänen. Auch aus Deutschland kommt deutliche Kritik an der FIFA-Führung. DFB-Präsident Neuendorf hatte bereits bei Infantinos Wiederwahl 2023 erklärt, der Deutsche Fußball-Bund werde dessen Kandidatur nicht unterstützen, und damals mehr Transparenz bei Entscheidungen der FIFA verlangt. Nach dem Scheitern der Investorenpläne verschärfte Neuendorf im August 2026 seine Kritik erneut und forderte eine grundsätzlich andere Entscheidungskultur beim Weltverband.
Die Forderung nach 2,1 Milliarden Dollar dürfte den Machtkampf weiter verschärfen. Ceferin und Montagliani wollen auch die Präsidenten der übrigen vier Kontinentalverbände für ihren Vorschlag gewinnen und die Frage auf die Tagesordnung der FIFA bringen. Für die nationalen Verbände ist die Dimension erheblich: Zehn Millionen Dollar zusätzlich können insbesondere in kleineren Fußballnationen neue Trainingszentren, Nachwuchsprogramme, Frauenfußball-Projekte oder eine bessere Infrastruktur finanzieren. Zugleich ist die Verteilung von FIFA-Geldern politisch sensibel, weil jeder der 211 Mitgliedsverbände bei einer Präsidentenwahl grundsätzlich eine Stimme besitzt. Deshalb wird die Auseinandersetzung um die Milliarden nicht nur eine finanzielle, sondern auch eine zentrale Governance-Frage: Wie viel Geld benötigt die FIFA selbst, wie viel sollte sie an ihre Mitglieder weitergeben und wer entscheidet über den Einsatz der Reserven? Ceferin und Montagliani verlangen vor der nächsten FIFA-Ratssitzung eine unabhängige Finanzanalyse. Die FIFA hatte auf die aktuelle Forderung zunächst nicht öffentlich reagiert.
OZD/AFP
OZD-Kommentar – FIFA-Milliarden gehören transparent auf den Tisch
Bei der Auseinandersetzung geht es nicht nur darum, wer künftig an der Spitze der FIFA steht. Entscheidend ist die Frage, nach welchen Regeln über Milliarden entschieden wird. Sechs Milliarden Dollar an Reserven sind eine enorme Summe, und selbstverständlich muss diskutiert werden, welcher Teil davon tatsächlich benötigt wird und welcher Teil sinnvoll in die Entwicklung des Fußballs fließen kann. Die Forderung nach einer unabhängigen Finanzanalyse ist deshalb nachvollziehbar. Gleichzeitig wäre es zu einfach, die vorgeschlagene Ausschüttung von 2,1 Milliarden Dollar ausschließlich als großzügige Förderung des Weltfußballs zu betrachten. Die Forderung fällt mitten in einen offenen Führungskonflikt und wenige Monate vor der geplanten Präsidentenwahl. Gerade deshalb braucht es maximale Transparenz: bei den Reserven, bei möglichen Ausschüttungen, bei Investorenprojekten und bei den Entscheidungswegen innerhalb der FIFA. Die realistische Prognose lautet, dass die Finanzfrage bis zum Kongress in Rabat ein zentrales Thema des Machtkampfes bleiben wird. Welche Auswirkungen sie auf die personelle Zukunft der FIFA-Spitze haben wird, hängt jedoch von den Entscheidungen der 211 Mitgliedsverbände und davon ab, welche Kandidaturen bis zum Ablauf der Nominierungsfrist tatsächlich zustande kommen.
Historischer Hintergrund
Die FIFA ist seit Jahrzehnten nicht nur Sportverband, sondern eine der wirtschaftlich mächtigsten Organisationen des Weltsports. Ihre wichtigste Einnahmequelle ist die Fußball-Weltmeisterschaft, deren Medien-, Marketing- und Sponsoringrechte Milliarden einbringen. Einen Teil dieser Einnahmen verteilt der Weltverband über Entwicklungsprogramme an seine Mitgliedsverbände. Gerade für kleine Fußballnationen in Afrika, Asien, Ozeanien, der Karibik und Mittelamerika sind diese Zahlungen von erheblicher Bedeutung. Gleichzeitig wird die Verteilung der FIFA-Mittel seit Jahren kritisch beobachtet, weil die 211 nationalen Verbände unabhängig von ihrer Größe jeweils eine Stimme bei der Wahl des FIFA-Präsidenten besitzen. Infantino führt den Weltverband seit Februar 2016, als er die Nachfolge von Joseph Blatter antrat. Auch das Verhältnis zwischen der FIFA und der UEFA war während seiner Amtszeit immer wieder von Konflikten über Turnierformate, Entscheidungsprozesse und die wirtschaftliche Ausrichtung des Weltfußballs geprägt. Der aktuelle Streit über die Milliardenreserven führt diese Auseinandersetzung nun unmittelbar in die Monate vor dem FIFA-Kongress 2027 in Marokko.
Zukunftsprognose
Die finanziellen Folgen einer Ausschüttung wären für zahlreiche nationale Verbände beträchtlich. Zehn Millionen Dollar zusätzlich könnten gerade in kleineren Fußballmärkten Investitionen ermöglichen, die aus eigenen Einnahmen kaum finanzierbar wären. Für die FIFA selbst würde die vorgeschlagene Zahlung eine Reduzierung ihrer Reserven um rund 2,1 Milliarden Dollar bedeuten, wobei UEFA und CONCACAF argumentieren, dass weiterhin ein ausreichendes finanzielles Polster vorhanden wäre. Politisch dürfte die Auseinandersetzung bis zum FIFA-Kongress im März 2027 weiter an Bedeutung gewinnen. Ob Infantino tatsächlich einen Gegenkandidaten erhält und wer gegebenenfalls antritt, steht derzeit noch nicht endgültig fest. Direkte Auswirkungen auf Aktien, Rohstoffe oder Währungen sind durch den verbandsinternen Konflikt nicht zu erwarten. Wirtschaftlich relevant könnte die Entwicklung dagegen für Medienkonzerne, Sponsoren, Sportartikelhersteller und Vermarktungspartner werden, wenn sich die FIFA-Strukturen oder die Vermarktung ihrer Wettbewerbe grundlegend verändern.
Was ist die CONCACAF?
Die CONCACAF ist der Kontinentalverband für Fußball in Nordamerika, Mittelamerika und der Karibik. Zu ihrem Gebiet gehören unter anderem die USA, Kanada, Mexiko sowie zahlreiche Staaten Mittelamerikas und der Karibik. Präsident des Verbandes ist der Kanadier Victor Montagliani, der zugleich Vizepräsident der FIFA ist.
Warum verfügt die FIFA über Milliardenreserven?
Die FIFA erzielt einen Großteil ihrer Einnahmen mit ihren internationalen Wettbewerben, vor allem der Männer-Weltmeisterschaft. Besonders wertvoll sind Medienrechte, Sponsoring, Marketingrechte und weitere kommerzielle Erlöse. Einnahmen und Ausgaben verteilen sich dabei ungleichmäßig über die vierjährigen WM-Zyklen. Finanzielle Reserven dienen deshalb auch dazu, die Jahre zwischen den Weltmeisterschaften abzusichern und langfristige Entwicklungsprogramme zu finanzieren.
OZD-Extra – Zehn Millionen Dollar können den Fußball eines ganzen Landes verändern
Für große Verbände wie den DFB wäre eine zusätzliche Zahlung von zehn Millionen Dollar willkommen, aber gemessen an den eigenen Umsätzen nicht existenziell. In kleinen Mitgliedsländern sieht das völlig anders aus. Dort kann eine Summe dieser Größenordnung den Bau von Trainingsplätzen, Nachwuchsakademien, Verbandszentren oder Programme für Frauen- und Mädchenfußball ermöglichen. Genau deshalb besitzt die Debatte eine internationale Dimension, die weit über Zürich und die europäischen Spitzenverbände hinausgeht. Die FIFA vereint 211 nationale Mitgliedsverbände, und ihre finanziellen Entscheidungen können unmittelbar beeinflussen, unter welchen Bedingungen Fußball von Europa über Afrika und Asien bis nach Ozeanien und in die Karibik entwickelt wird.
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Alle Angaben ohne Gewähr. Mit KI unterstützt. Titelbild AFP.