Fakten im Überblick
Die Berliner Linke kommt am Freitag ab 17.00 Uhr zu einem außerordentlichen Landesparteitag zusammen und will über Sondierungsgespräche mit Grünen und SPD entscheiden.
Bei der Abgeordnetenhauswahl erreichte die Linke nach dem vorläufigen Ergebnis 25,7 Prozent und wurde erstmals stärkste Kraft in Berlin.
Rechnerisch sind sowohl ein Bündnis aus Linken, Grünen und SPD als auch eine Koalition aus CDU, Grünen und SPD möglich.
Nach ihrem historischen Wahlsieg beginnt für die Berliner Linkspartei die schwierige Suche nach einer regierungsfähigen Mehrheit. Am Freitag kommen die Delegierten ab 17.00 Uhr zu einem außerordentlichen Landesparteitag zusammen. Dort soll darüber entschieden werden, ob die Parteiführung offiziell Sondierungsgespräche mit Grünen und SPD aufnehmen soll. Die Führung der Berliner Linken befürwortet diesen Schritt. Spitzenkandidatin Elif Eralp hatte bereits nach der Abgeordnetenhauswahl vom vergangenen Sonntag deutlich gemacht, dass sie über eine gemeinsame Regierung mit Grünen und Sozialdemokraten sprechen will. Nach dem vorläufigen Ergebnis gewann die Linke 25,7 Prozent der Zweitstimmen und verbesserte sich gegenüber 2023 um 13,4 Prozentpunkte. Die CDU kam auf 18,8 Prozent, die AfD auf 16,3 Prozent, die Grünen auf 14,3 Prozent und die SPD auf 12,1 Prozent. Die Wahlbeteiligung lag bei 74,2 Prozent.
Damit steht Berlin vor einem politisch ungewöhnlichen Kräfteverhältnis. Die Linke ist erstmals stärkste Partei bei einer Wahl zum Abgeordnetenhaus und beansprucht die Führung einer neuen Landesregierung. Eralp könnte bei erfolgreichen Koalitionsverhandlungen für das Amt der Regierenden Bürgermeisterin kandidieren. Eine Mehrheit wäre gemeinsam mit Grünen und SPD möglich. Rechnerisch existiert allerdings auch eine Alternative ohne die Wahlsiegerin: CDU, Grüne und SPD könnten ebenfalls eine Regierung bilden. Damit kommt insbesondere Grünen und Sozialdemokraten eine zentrale Rolle bei der Regierungsbildung zu. Beide Parteien müssen entscheiden, mit welchem größeren Partner sie vertiefte Verhandlungen führen wollen.
Der Weg zu einem Bündnis unter Führung der Linken ist jedoch mit erheblichen politischen Streitfragen verbunden. Bei SPD und Grünen gibt es Vorbehalte gegen Teile der Berliner Linkspartei. Dazu gehören Antisemitismusvorwürfe gegen einzelne Akteure und Strömungen sowie Auseinandersetzungen über Kontakte in das arabische Clan-Milieu. Kritik kommt dabei auch aus den Reihen potenzieller Koalitionspartner. Die Linke weist pauschale Vorwürfe gegen die Gesamtpartei zurück; für mögliche Verhandlungen dürfte entscheidend sein, ob sich die Parteien auf gemeinsame politische und personelle Standards verständigen können.
Ein zweiter großer Konflikt betrifft die Wohnungspolitik. Die Berliner Linke will große private Wohnungsunternehmen vergesellschaften und knüpft damit an den Berliner Volksentscheid „Deutsche Wohnen & Co enteignen“ von 2021 an. Damals sprach sich eine Mehrheit der Abstimmenden für die Vergesellschaftung großer Wohnungsbestände aus. In möglichen Koalitionsverhandlungen dürften insbesondere Finanzierung, rechtliche Umsetzung und Auswirkungen auf Wohnungsbau und Investitionen kontrovers diskutiert werden. Kritiker aus SPD und Grünen sowie Politiker anderer Bundesländer stellen die Pläne infrage, während die Linke die Vergesellschaftung als Bestandteil ihrer Strategie gegen hohe Mieten verteidigt.
Auch innerhalb der Linken selbst ist eine Regierungsbeteiligung nicht völlig unumstritten. Nach Angaben des RBB gibt es Parteimitglieder, die einer Regierungsbeteiligung skeptisch gegenüberstehen. Die Parteiführung rechnet dennoch mit einer Mehrheit für Sondierungsgespräche. Dabei handelt es sich zunächst nicht um formelle Koalitionsverhandlungen. Sondierungen sollen klären, ob genügend politische Gemeinsamkeiten vorhanden sind, um anschließend über einen gemeinsamen Koalitionsvertrag zu verhandeln.
Parallel sortieren sich die möglichen Partner neu. Die Berliner SPD hat nach ihrer deutlichen Wahlniederlage personelle Veränderungen eingeleitet. Landeschef und Spitzenkandidat Steffen Krach wurde gemeinsam mit der Abgeordneten Derya Caglar für eine neue Doppelspitze der Fraktion nominiert. Der SPD-Landesvorstand will am Samstag über das Gesprächsangebot der Linken beraten. Nach aktuellen Angaben gilt eine grundsätzliche Bereitschaft zu Sondierungen als wahrscheinlich, allerdings existieren innerhalb der Partei erhebliche Vorbehalte gegen einzelne Positionen der Linken.
Damit beginnt in Berlin ein politischer Entscheidungsprozess, dessen Ausgang offen ist. Die Linke verfügt als Wahlsiegerin über eine starke Ausgangsposition, besitzt aber keine eigene Mehrheit. Grüne und SPD wiederum haben rechnerisch mindestens zwei unterschiedliche Wege zu einer Regierung. Ein Bündnis mit der Linken würde erstmals eine von der Partei geführte Berliner Landesregierung ermöglichen. Eine Koalition aus CDU, Grünen und SPD würde die Linke trotz ihres Wahlsiegs in die Opposition verweisen. Welche Variante zustande kommt, hängt nicht allein von der Mandatsarithmetik ab, sondern von inhaltlichen Kompromissen bei Wohnen, Sicherheit, Finanzen, Antisemitismusbekämpfung, Verkehr und weiteren landespolitischen Fragen.
Der Parteitag am Freitag ist deshalb nur der erste formelle Schritt. Stimmt die Linke für Sondierungen, können in den kommenden Tagen Gespräche mit Grünen und SPD beginnen. Erst danach dürfte sich deutlicher zeigen, ob aus dem historischen Wahlsieg tatsächlich eine von Elif Eralp geführte Landesregierung entstehen kann – oder ob sich Grüne und SPD für Gespräche über eine alternative Koalition mit der CDU entscheiden.
OZD/AFP
OZD-Kommentar – Wahlsieg ist noch keine Regierungsmehrheit
Das Berliner Wahlergebnis hat die politischen Gewichte deutlich verschoben. Die Linke ist mit 25,7 Prozent stärkste Kraft geworden, während CDU, Grüne und SPD Stimmen verloren haben. Daraus ergibt sich für die Linke eine starke Verhandlungsposition, aber keine automatische Regierungsbildung.
Die eigentliche Entscheidung liegt nun in den Koalitionsverhandlungen. Grüne und SPD können sowohl mit der Linken als auch gemeinsam mit der CDU über eine rechnerische Mehrheit sprechen. Damit besitzen beide Parteien erheblichen Einfluss darauf, welche politische Richtung Berlin in den kommenden Jahren einschlägt.
Inhaltlich bestehen erkennbare Konfliktfelder. Die geplante Vergesellschaftung großer Wohnungskonzerne gehört ebenso dazu wie Fragen der inneren Sicherheit und der Umgang mit Antisemitismusvorwürfen. Diese Punkte sind nicht bloß taktische Hindernisse, sondern betreffen zentrale politische Positionen der beteiligten Parteien.
Der Parteitag der Linken kann deshalb zunächst nur den Auftrag für Gespräche erteilen. Ob daraus eine Koalition entsteht, hängt davon ab, ob Linke, Grüne und SPD tragfähige Kompromisse finden. Eine belastbare Prognose über die künftige Berliner Regierung lässt sich vor Beginn dieser Gespräche nicht ableiten.
Historischer Hintergrund
Berlin wurde über Jahrzehnte von wechselnden Koalitionen aus SPD, CDU, Grünen und Linken beziehungsweise deren Vorgängerpartei regiert. Eine Besonderheit der aktuellen Situation besteht darin, dass die Linke erstmals eine Abgeordnetenhauswahl gewonnen hat.
Bereits zwischen 2002 und 2011 regierten SPD und damalige PDS beziehungsweise Linkspartei gemeinsam in Berlin. Von 2016 bis 2023 bestand eine Koalition aus SPD, Linken und Grünen.
Nach der Wiederholungswahl 2023 wechselte die politische Führung. Die CDU wurde stärkste Kraft und bildete mit der SPD eine Koalition.
Bei der Wahl vom 20. September 2026 veränderten sich die Mehrheitsverhältnisse erneut deutlich. Die Linke stieg von 12,2 auf 25,7 Prozent, während die CDU von 28,2 auf 18,8 Prozent fiel. Auch SPD und Grüne verloren Stimmen.
Zukunftsprognose
Politisch beginnen zunächst Sondierungen, sofern der Parteitag der Linken zustimmt und Grüne sowie SPD entsprechende Einladungen annehmen. Erst danach könnten formelle Koalitionsverhandlungen folgen.
Wirtschaftlich dürfte besonders die Wohnungspolitik Aufmerksamkeit erhalten. Eine mögliche Vergesellschaftung großer Wohnungsbestände könnte erhebliche finanzielle und rechtliche Fragen für das Land Berlin aufwerfen und wäre für große Immobilienunternehmen von unmittelbarer Bedeutung.
Für Immobilienaktien könnten konkrete Verhandlungsergebnisse zur Vergesellschaftung relevant werden. Solange keine verbindlichen Vereinbarungen oder Gesetze vorliegen, lassen sich daraus jedoch keine belastbaren Kursfolgen ableiten.
Auf Rohstoffe oder Währungen dürfte die Berliner Regierungsbildung unmittelbar kaum Auswirkungen haben. International besitzt sie dennoch politische Aufmerksamkeit: Berlin ist nicht nur ein Bundesland, sondern Deutschlands Hauptstadt und Sitz von Bundesregierung, Bundestag und zahlreichen Botschaften.
Gesellschaftlich dürfte insbesondere die Frage im Mittelpunkt stehen, ob die beteiligten Parteien bei Wohnen, sozialer Infrastruktur, Sicherheit und Antisemitismusbekämpfung gemeinsame Positionen finden.
Wer ist Elif Eralp?
Elif Eralp ist Spitzenkandidatin der Berliner Linken. Unter ihrer Führung erreichte die Partei bei der Abgeordnetenhauswahl 25,7 Prozent und wurde erstmals stärkste politische Kraft in der Hauptstadt.
Was sind Sondierungsgespräche?
Sondierungen sind politische Vorgespräche nach einer Wahl. Parteien prüfen dabei, ob genügend Gemeinsamkeiten für formelle Koalitionsverhandlungen bestehen. Eine Sondierung bedeutet noch keine Entscheidung für eine gemeinsame Regierung.
Was bedeutet Vergesellschaftung von Wohnungskonzernen?
Dabei sollen große private Wohnungsbestände gegen Entschädigung in eine gemeinwirtschaftliche Struktur überführt werden. Grundlage der Debatte ist Artikel 15 des Grundgesetzes. In Berlin stimmte 2021 eine Mehrheit bei einem Volksentscheid grundsätzlich für die Vergesellschaftung großer Wohnungsunternehmen.
Welche Koalitionen sind in Berlin möglich?
Nach dem Wahlergebnis verfügen sowohl Linke, Grüne und SPD gemeinsam als auch CDU, Grüne und SPD über rechnerische Mehrheiten. Welche Konstellation politisch zustande kommt, ist offen.
OZD-Extra – Berlin könnte erstmals eine Linken-Politikerin an der Regierungsspitze bekommen
Der Wahlsieg hat eine historische Möglichkeit geschaffen: Sollte die Linke eine Koalition mit Grünen und SPD bilden und Elif Eralp anschließend im Abgeordnetenhaus die notwendige Mehrheit erhalten, könnte erstmals eine Politikerin der Linken das Rote Rathaus führen.
Automatisch folgt das aus dem Wahlsieg allerdings nicht. Der Regierende Bürgermeister oder die Regierende Bürgermeisterin wird vom Berliner Abgeordnetenhaus gewählt. Für eine erfolgreiche Regierungsbildung muss deshalb eine parlamentarisch tragfähige Mehrheit organisiert werden.
Auch zeitlich besteht noch Spielraum. Die konstituierende Sitzung des neu gewählten Abgeordnetenhauses ist für den 29. Oktober vorgesehen. Eine starre Frist für die anschließende Wahl des neuen Regierungschefs oder der Regierungschefin besteht nicht.
Bis dahin dürfte sich entscheiden, ob Linke, Grüne und SPD genügend Gemeinsamkeiten finden oder ob eine alternative Regierungsbildung mit der CDU konkreter wird.
Gewinnspiel
Welche Partei wurde bei der Berliner Abgeordnetenhauswahl 2026 stärkste Kraft?
A: CDU
B: SPD
C: Die Linke
D: Grüne
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Alle Angaben ohne Gewähr. Mit KI unterstützt. Titelbild AFP.