Analyse und Kommentar
Was für ein Debüt – und was für ein Dilemma. Florian Lipowitz fährt auf Platz drei der Tour de France, gewinnt das Weiße Trikot des besten Nachwuchsfahrers und schreibt sich damit ein in die kurze Liste deutscher Tour-Helden. Stöpel, Ullrich, Klöden – und jetzt Lipowitz. Ein Quantensprung für den deutschen Radsport, und doch: Die Geschichte dieses Erfolgs bleibt eine zwiespältige.
Denn so groß die sportliche Leistung des jungen Ulmers ist – elf Minuten Rückstand auf den Sieger Tadej Pogacar sind eine historische Marke. Seit Ullrichs Triumph 1997 gab es keinen so großen Abstand zwischen Platz eins und drei. Das unterstreicht weniger eine Schwäche von Lipowitz als vielmehr die fast erdrückende Überlegenheit Pogacars. Der Slowene fuhr in einer eigenen Liga, auf einem anderen Planeten, gegen unsichtbare Gegner. Keine Sekunde Zeitverlust auf Top-5-Fahrer, drei Trikots gewonnen, dazu ein dominanter Auftritt am Montmartre: Wer solche Zahlen produziert, fährt nicht mehr gegen das Feld, sondern gegen die Geschichte.
Und so bleibt Lipowitz trotz Podestplatz merkwürdig randständig im Narrativ dieser Tour. Er war dabei, kämpfte mutig, attackierte – aber nie mit Aussicht auf Gelb, nie im echten Fokus der Entscheidung. Dass er elf Minuten hinter Pogacar ins Ziel kommt, macht den Unterschied deutlich. Wer daran zweifelt, wie weit Europa aktuell vom Gipfel des Radsports entfernt ist, muss nur auf die Zeitabstände blicken: Nur elf Fahrer lagen weniger als eine Stunde hinter dem Sieger – ein Rekord aus der Ära Merckx wird plötzlich wieder aktuell.
Lipowitz' Leistung verdient Anerkennung, keine Frage. Er ist jung, erst 24, und hat nach einem Biathlon-Start eine bemerkenswerte Kurve genommen. Doch auch seine eigene Aussage – „Ich hätte niemals damit gerechnet, überhaupt um das Podium mitfahren zu können“ – ist entlarvend. Sie zeigt: Selbst die Überraschten sind überrascht. Der Sprung aufs Treppchen war weniger Ziel als Nebenprodukt, mehr Glücksfall einer auseinanderdriftenden Leistungslandschaft als Ergebnis eines gezielten Aufbaus.
Der deutsche Radsport jubelt über das Weiße Trikot – doch ein Etappensieg bleibt weiterhin aus. Seit Politts Erfolg 2021 ist die Bilanz ernüchternd. Phil Bauhaus kam dem Tagessieg in Dünkirchen mit einem dritten Platz am nächsten – das war’s. Auch in Paris: keine Akzente, kein deutscher Sprint, keine Schlagzeile. Lipowitz trägt das Trikot, aber Deutschland bleibt im Schatten.
Pogacar hingegen manifestiert seinen Mythos. Mit 26 Jahren bereits viermaliger Toursieger, jüngster Vierfach-Sieger aller Zeiten, Bergtrikot zum dritten Mal – was bleibt da noch übrig? Vielleicht nur die Frage, wann sein Zenit überschritten ist – und wer dann bereitsteht, die Lücke zu füllen. Lipowitz? Vielleicht. Aber heute noch nicht.
Der Abschluss in Paris – eigentlich immer eine feierliche Prozession – wurde vom Regen gestört, die Zeitnahme vorverlegt, das sportliche Resultat zur Nebensache. Pogacar attackierte dennoch, als wolle er selbst diesen Moment nicht ungenutzt verstreichen lassen. Van Aert gewann den Tag, Lipowitz gab das Zeichen zur Schlussoffensive – doch es blieb ein Bild des Aufholens, nicht des Bestimmens.
Und so endet diese Tour mit einem doppelten Gefühl: Ein deutscher Fahrer fährt aufs Podium – und dennoch ist der Abstand zur Spitze größer denn je. Man feiert Lipowitz – aber weiß nicht genau, wie weit diese Geschichte trägt. Jubel, ja – aber mit Sternchen. Und mit Fragezeichen.
OZD
Alle Angaben ohneGewähr.
Bild: SID