Im Iran gehen die Massenproteste trotz des harten Durchgreifens der Sicherheitskräfte weiter. Unter Umgehung einer landesweiten Internetsperre veröffentlichten Aktivisten Videos, die am Samstagabend große Menschenmengen bei Demonstrationen in mehreren Städten zeigen, darunter Teheran und Maschhad. In einigen Regionen wurden Autos in Brand gesetzt, Sicherheitskräfte gingen mit massiver Gewalt vor. Die Polizei meldete am Sonntag zahlreiche Festnahmen.
Die von den Behörden am Freitagabend verhängte Internetsperre hält weiter an, ebenso die Blockade des Mobilfunknetzes. Dadurch ist die Kommunikation mit der Außenwelt nahezu vollständig unterbrochen. Dennoch gelangten Videos ins Netz, die teils nicht unabhängig überprüft werden konnten und zeigen sollen, wie Angehörige in Leichenschauhäusern getötete Demonstrierende identifizieren.
Nach Angaben der in Norwegen ansässigen Organisation Iran Human Rights wurden bislang mindestens 192 Menschen bei den Protesten getötet. Die tatsächliche Zahl könne jedoch deutlich höher liegen. Die US-amerikanische Human Rights Activists News Agency bestätigte mindestens 116 Todesfälle, darunter auch Mitglieder der Sicherheitskräfte.
Das ebenfalls in den USA ansässige Center for Human Rights in Iran warnte unter Berufung auf Augenzeugenberichte vor einem „Massaker“. Krankenhäuser seien überfüllt, Blutkonserven würden knapp. Polizeichef Ahmed-Resa Radan sprach von einer „beträchtlichen Zahl“ Festnahmen, Sicherheitschef Ali Laridschani unterschied zwischen „legitimen Protesten“ und angeblichen „Aufrührern“.
International wächst die Sorge vor einer Eskalation. US-Präsident Donald Trump drohte mehrfach mit einem militärischen Eingreifen, sollte die Gewalt gegen Demonstrierende anhalten. Irans Parlamentspräsident Mohammad Bagher Ghalibaf kündigte im Gegenzug Vergeltung an und erklärte US-Stützpunkte und die Schifffahrt zu legitimen Zielen.
Der im Exil lebende Reza Pahlavi, Sohn des 1979 gestürzten Schahs, rief die Bevölkerung auf, die Proteste fortzusetzen. EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen verurteilte die Gewalt scharf und erklärte die Solidarität der EU mit den Demonstrierenden. OZD
OZD-Kommentar
Was sich derzeit im Iran abspielt, ist keine Randerscheinung mehr,
sondern eine offene Konfrontation zwischen Bevölkerung und Machtapparat.
Die Kombination aus tödlicher Gewalt, totaler Kommunikationsabschottung
und Drohungen nach außen zeigt ein Regime, das sich nicht reformieren
will, sondern ums Überleben kämpft. Jeder weitere Tote verschärft die
moralische und politische Isolation Teherans – und macht eine Rückkehr
zur Normalität immer unwahrscheinlicher.

Nach den tagelangen Massenprotesten im Iran hat der iranische Präsident Massud Peseschkian "Aufrührer" vor weiteren Demonstrationen gewarnt. Es könne nicht zugelassen werden, dass "Aufrührer die Gesellschaft destabilisieren", sagte Peseschkian in einem am Sonntag ausgestrahlten Fernsehinterview. Die Bevölkerung rief er auf, "Vertrauen in unseren Willen zur Durchsetzung der Gerechtigkeit" haben.
Im Iran gibt es seit rund zwei Wochen Proteste, die sich inzwischen zu einer Massenbewegung ausgeweitet haben. Sie entzündeten sich zunächst an der Unzufriedenheit über die wirtschaftlichen Lage, inzwischen richten sie sich gegen die Führung in Teheran.
Die Behörden gehen hart gegen die Proteste vor, nach Angaben von Menschenrechtlern wurden bereits mindestens 192 Menschen getötet. Angesichts einer seit Tagen andauernden landesweiten Internetsperre fürchten Aktivisten, dass die tatsächlichen Zahlen noch weit höher liegen.
Historischer Hintergrund:
Seit der Islamischen Revolution 1979 wird der Iran autoritär regiert.
Immer wieder kam es zu Protestwellen, etwa 2009, 2019 oder nach dem Tod
von Mahsa Amini 2022. Neu ist jedoch die Breite der aktuellen Bewegung,
die sich nicht nur gegen wirtschaftliche Not, sondern offen gegen das
gesamte politische und religiöse System richtet. Internetsperren und
massive Gewalt sind seit Jahren zentrale Instrumente des Regimes zur
Machtsicherung.

Erklärungen zum Text:
– Internetsperre: Staatlich angeordnete Abschaltung digitaler Kommunikation
– Massenproteste: Landesweite, koordinierte Demonstrationen
– Repression: Systematische Unterdrückung durch staatliche Gewalt
– Exil-Opposition: Politische Gegner des Regimes außerhalb des Landes
Schnellanalyse:
Lage im Land
– Landesweite Proteste
– Kommunikationsblockade
– Hunderte Tote und Verletzte
Reaktion des Regimes
– Massenfestnahmen
– Gewaltandrohungen nach außen
Internationale Dimension
– US-Drohungen
– EU-Solidarität
– Eskalationsgefahr
Lernbox:
– Internetsperren sind ein zentrales Machtinstrument autoritärer Staaten
– Menschenrechtszahlen in Krisen sind oft nur Mindestangaben
– Internationale Reaktionen beeinflussen das Eskalationsrisiko

Quizfrage:
Wie viele Todesopfer melden Menschenrechtsorganisationen bislang mindestens bei den aktuellen Protesten im Iran?
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